Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Velo Classico in Celle: Zeitreise mit Stil
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Velo Classico in Celle: Zeitreise mit Stil
17:19 14.08.2017
Von Dagny Siebke
Quelle: David Borghoff
Celle Stadt

Stilecht mit Frack und Zylinder schwingt sich Arne Beushausen hinauf aufs Hochrad. Ganz gemächlich fährt der 27-Jährige vorneweg. Er gibt bei der Ausfahrt des Teams Velo Classico am Sonntag das Tempo vor. Das Hochrad gehört dem Stahlradverein Laatzen, es ist ein Nachbau von 1970, der an die Zeit von 1880 erinnert. "Innerhalb von 15 Minuten kann man lernen mit dem Hochrad zu fahren", erzählt Beushausen. "Doch um ganze 30 Kilometer damit zu fahren, braucht es viel Erfahrung." An diesem Tag geht es die Aller entlang nach Oppershausen und wieder zurück zum Französischen Schlossfest.

Zum 200. Geburtstag sind 45 Fahrradliebhaber dem Aufruf des Cellers Manfred Galonski gefolgt. Die Voraussetzungen: Ein Stahlrad, das mindestens 25 Jahre alt ist und ein Leibchen, das aus Wolle besteht. "Wolle hat die gute Eigenschaft, dass sie bei Kälte wärmt und man bei Hitze nicht darin schwitzt", sagt Galonski. "Nur bei Regen hat man damit das Nachsehen."

Volker Meyer aus Osterholz-Scharmbeck fährt das älteste Rad. Das Modell 28, Baujahr 1923, stammt aus den Diamant-Fahrradwerken in Chemnitz. "Das Rennrad ist ein Erinnerungsstück meines Großvaters", erzählt er. Dieser war Kunstradfahrer und baute mit seinen Sportskollegen zusammen während der Türmchen über einem Rad.

Fünf Jahre lang hat Meyer an den Wintertagen am Fahrrad geschraubt. Rahmen, Lenker, Naben und Bremsen sind noch original. Um die Holzfelgen originalgetreu nachzubauen, hat er Teile in Italien bestellt. "Die Schlauchreifen kann man nicht flicken. Wenn man ein Loch hat, hat man ein Loch", sagt der 54-Jährige. Dank der Holzfelgen fahre man erstaunlich weich über Kopfsteinpflaster. "Sie dämpfen die Stöße wie eine Federung. Man bügelt die Straße herunter und das Rad klappert nicht." Nun hofft Meyer, dass sein altes Rad die 30 Kilometer Fahrt durchhält. Es sei erst seine zweite Veranstaltung. "Für den Notfall habe ich im Auto fast meine ganze Werkstatt liegen."

Mit von der Partie sind auch drei Pedersen-Fahrräder. Diese sind nach dem Dänen Mikael Pedersen benannt, der mit dem Sitzkomfort damaliger Fahrräder nicht zufrieden war. Daher entwickelte einen eigenen geflochtenen Sattel, der wie eine Hängematte aufgehängt wurde. Um diesen Sattel, der seitlich schwingt, baute er den Rahmen nur aus Dreiecken. Mit minimalem Gewicht erreichte er dadurch eine extrem hohe Stabilität.

"Das ist die schönste Art Rad zu fahren", ist Hans Günther Wilkens überzeugt. Fährt er über Kopfsteinpflaster, dann schwingt die Mini-Hängematte hin und her. Das Pedersen-Rad schont besonders den Rücken, denn die Stöße gehen beim Kopfsteinpflaster gehen nicht auf Wirbelsäule und Bandscheibe. Mit seinen 74 Jahren fahre Wilkens täglich damit, sagt er.

Wilkens zeigt noch ein weitere Besonderheit an seinem Pedersen-Rad: "Das ist die einzige Kettenschaltung mit Rücktrittbremse." Zweieinhalb Jahre habe er bislang an dem Nachbau von 1899 geschraubt. Und er verändert nach und nach etwas. "Wenn ich neue Teile dazu finde, kommt immer ein gutes Stück dazu. Doch Raritäten findet man leider nur auf Fahrradmessen."