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Celle Stadt Verdrängung, Lügen, Missbrauch: „Das Fest“ läuft aus dem Ruder
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Verdrängung, Lügen, Missbrauch: „Das Fest“ läuft aus dem Ruder
16:16 10.02.2010
Mit starrer Mine lässt Helge Klingenfeldt (links im Vordergrund: Heinz Trixner mit Monika Häckermann) die Missbrauchsvorwürfe seines ältesten Sohnes Christian (Alexander Löffler) über sich ergehen. Quelle: Quast
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Befremdliche Szenen im Hause Klingenfeldt. Da soll Sohn Christian bei den Feierlichkeiten zum 65. Geburtstag seines Vaters, des erfolgreichen Hoteliers Helge, einen Toast ausbringen. Und nun bekommen die Gäste keine launigen Lobesworte zu hören, sondern eine furchtbare Enthüllung: Christian selbst und Zwillingsschwester Linda, die sich unlängst das Leben genommen hat, seien als Kinder vom Vater immer wieder sexuell missbraucht worden. Die Festtafel beschließt, diese Ungeheuerlichkeit zu überhören – aber damit nimmt das Drama im Stück „Das Fest“ erst recht seinen Lauf. Morgen um 20 Uhr läuft die Premiere im Celler Schlosstheater.

Bekannt geworden ist der Stoff 1998 als dänischer Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov, die Theaterfassung haben Juliane Gruner und Burkhard C. Kosminski besorgt. „Das Fest“ ist seitdem kontinuierlich auf zahlreichen Spielplänen zu finden – wie erklärt sich Thomas Blubacher, der in Celle Regie führt, diese Erfolgsgeschichte?

„Das hat auf der einen Seite damit zu tun, dass es sehr gut geschrieben ist. Und die Inhalte sind eben hochaktuell. Man hört ja ständig von neuen Missbrauchsfällen. Auch in der Probenzeit standen wieder solche Berichte in der Zeitung.“

Wobei Blubacher großen Wert darauf legt, dass der Stoff thematisch nicht total eingleisig fährt: „Es geht um Missbrauch, es geht aber auch um das System Familie. Mit all seinen Abhängigkeiten, Flucht-versuchen, Verdrängungen, Lügen. Ich glaube, jeder Besucher wird hier irgendwo etwas wiedererkennen.“ Allein das Stichwort „Familienfest“ dürfte verbreitet Erinnerungen hervorrufen, und zwar nicht immer ungeteilt heitere: „Es kommt doch wohl nicht ganz selten vor, dass diese Feiern irgendwann, meistens zu vorgerückter Stunde, aus dem Ruder laufen“, meint Blubacher. „Mal mehr, mal weniger. Dass zum Beispiel die Tante auf einmal etwas völlig Unpassendes sagt. Und dann aber niemand darauf eingeht, weil man sich ja die ,schöne Stimmung’ nicht kaputt machen will.“

Was natürlich auf eine gewisse Weise komische Züge annehmen kann. Die will der Regisseur erklärtermaßen gar nicht ausblenden: „Der Humor wird hoffentlich auch zum Tragen kommen. In manchen Situationen reizen einzelne Figuren gerade in ihrer Hilflosigkeit oder Ungeschicklichkeit zum Lachen, ohne dass man darüber natürlich vergessen soll, wie traurig ihr Verhalten im Grunde ist.“ Figuren gibt es für Celler Verhältnisse übrigens ungewöhnlich viele, denn inklusive eines frisch gecasteten elfjährigen Jungen werden 15 Akteure auf der Bühne stehen.

Das Stück ist zur Zeit auch im hannoverschen Staatsschauspiel zu sehen. Blubacher hat die Vorstellung allerdings nicht besucht: „Zumal die Premiere ziemlich genau mit unserem Probenbeginn zusammenfiel. Ich wollte mich möglichst unbeeinflusst auf unsere Arbeit konzentrieren.“ Der Regisseur ist denn auch offenbar zu anderen Ergebnissen gekommen als der Kollege in Hannover, wo es einige sehr spezielle Momente gibt, Christian etwa von einer Frau gespielt wird. „Wir haben einen Weg ohne Verfremdungen gesucht“, meint Blubacher. „Die Aufgabe war uns groß genug.“

Von Jörg Worat