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Celle Stadt Viele Flüchtlinge können nicht zurück und werden in Celle bleiben
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Viele Flüchtlinge können nicht zurück und werden in Celle bleiben
17:59 07.11.2014
Spartanisch eingerichtet: In Eschede leben mehrere Sudanesen in einer großen Gemeinschaftswohnung zusammen. Quelle: Benjamin Westhoff
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Die Vereinten Nationen (VN) haben bereits Mitte des Jahres Alarm geschlagen: Weltweit mussten mehr als 50 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen und befinden sich auf der Flucht. Damit hat die Zahl der Vertriebenen den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht.

Das geht nicht spurlos an Deutschland und seinen Bundesländern vorbei. In Niedersachsen ist die Zahl der Asylbewerber in den vergangenen zwei Jahren (siehe Grafik) in die Höhe geschnellt. Mit 10.225 Erstanträgen auf Asyl stieg die Zahl 2013 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 40 Prozent an. Das Vorjahresniveau ist schon jetzt beinahe erreicht.

Diese Entwicklung macht sich auch in der Stadt und dem Landkreis Celle bemerkbar. Nachdem 2009 mit 48 Asylbewerbern so wenig Menschen aufgenommen wurden wie lange nicht, stieg die Zahl über die Jahre kontinuierlich an und wird Ende Dezember den höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren erreichen.

Die Asylbewerber kommen aus vielen Ländern: Der Großteil stammt aus Syrien, dem Irak und dem Sudan, auch Russland und Balkanstaaten wie Serbien, Albanien und Bosnien sind als Herkunftsländer stark vertreten. Diese Zahlen stellen eine Momentaufnahme dar, weil die Menschen unterschiedlich schnell – zwischen drei Monaten und drei Jahren – als Asylbewerber anerkannt oder abgelehnt werden.

Schwierige Wohnungssuche

M. Singodu (Name geändert) lebt seit Kurzem in Celle: „Nach all den schrecklichen Dingen, die ich in meiner Heimat und auf der Flucht erlebt habe, bin ich froh, endlich in Sicherheit zu sein“, sagt der Sudanese. Doch so richtig von den Strapazen erholt hat sich Singodu, der sich mit einer Handvoll afrikanischer Flüchtlinge eine kleine Wohnung teilt, noch nicht: „Bei uns ist immer was los. Es ist laut und wir wohnen auf engem Raum zusammen, man hat eigentlich nie seine Ruhe und keine Privatsphäre.“

Bisher konnten die aufgenommenen Menschen in Stadt und Landkreis noch dezentral in eigenen oder angemieteten Wohnungen untergebracht werden. Doch angesichts der steigenden Zahlen stoßen manche Kommunen an Grenzen: „Die Wohnungssuche ist insgesamt eine der zentralen Herausforderungen, da Vermieter zum Teil nicht bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen“, erläutert Landkreis-Sprecher Holger Harms.

Dabei sei nicht die Unterbringung ganzer Familien das Problem, hat Martin Peters, Fachbereichsleiter bei der Stadt Celle, beobachtet. „Gerade kleine Wohnungen zu angemessenen Preisen für Einzelpersonen, die vorher meist lange in größeren Gemeinschaftswohnungen leben, sind seit Jahren kaum zu finden“, sagt er. Besonders die immer kürzere Vorlaufzeit zwischen Ankündigung und Ankunft der Asylbewerber bereite zunehmend Schwierigkeiten. Flüchtlinge müssten in Ausnahmefällen sogar innerhalb eines Tages untergebracht werden. Um auf solch kurzfristige Zuweisungen reagieren zu können, hat die Verwaltung der Politik jüngst vorgeschlagen, das leer stehende Hotel am Nordwall für eine kurzzeitige Unterbringung von Flüchtlingen bis zur Zuweisung einer Wohnung zu reaktivieren.

Doch da einige Investitionen in das Gebäude, das 2016 abgerissen werden soll, nötig wären und die Nutzungszeit begrenzt wäre, ist fraglich, ob die Idee überhaupt umgesetzt wird. „Das war als Pufferlösung gedacht, es ging dabei um nichts Dauerhaftes. So etwas wäre auch ein Schritt in die falsche Richtung und würde unserer Idee der dezentralen Unterbringung widersprechen“, sagt Celles Sozialdezernent Stephan Kassel. Die Stadt befinde sich in intensiven Gesprächen, trotz der angespannten Lage eine dauerhafte Lösung auf dem Wohnungsmarkt zu finden.

In Hannover, der Stadt mit der größten Zahl an Asylbewerbern in Niedersachsen, müssen die Menschen bereits in Wohncontainern untergebracht werden. Diesen Schritt schließen Stadt und Landkreis derzeit aus, so Harms: „Bisher konnte noch immer eine Lösung gefunden werden.“

Geld vom Bund reicht nicht aus

Bei der Finanzierung muss der Landkreis darüber hinaus tief in die Tasche greifen. Pro Jahr und Flüchtling, egal mit welchem Aufenthaltsstatus, bekommt eine Kommune vom Land eine Pauschale von 5.932 Euro überwiesen, die voraussichtlich zum 1. Januar auf 6.195 Euro angehoben werden soll. „Die tatsächlichen Kosten können aber auch mit der Erhöhung nicht gedeckt werden“, so Harms. Der Landkreis Celle übernimmt die Differenz für die Mitgliedskommunen und hat dafür 2013 ein Minus von etwa 681.200 Euro im Kreishaushalt verbucht.

Angesichts der Krisenherde auf der Welt ist ein Rückgang der Flüchtlingszahlen nicht in Sicht. Laut den VN werden viele Menschen ihre Heimat so schnell nicht wiedersehen. Kassel: „Es werden noch mehr Menschen kommen, die vorerst nicht in ihre Heimat zurückkehren können und bleiben werden.“

Kai Knoche

Von Kai Knoche