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Celle Stadt Viele Ungereimtheiten im Prozess um Feuer in Celler Arztpraxis
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Viele Ungereimtheiten im Prozess um Feuer in Celler Arztpraxis
13:57 22.12.2017
Vor dem Landgericht Lüneburg läuft der Prozess um die Brandstiftung in einer Celler Zahnarztpraxis. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Der Prozess vor der 3. Großen Strafkammer muss der Frage nachgehen, wer an Weihnachten 2015 in der Zahnarztpraxis Feuer gelegt hat. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt eine 50-jährige Medizinerin ihren Gatten angestiftet haben, die Behandlungsräume angezündet zu haben, um von der Versicherung eine fünfstellige Summe zu kassieren. Das Ehepaar sieht sich den Vorwürfen der schweren Brandstiftung und des versuchten Betruges ausgesetzt.

Nach der üblichen Bekanntgabe der Tagesordnung startete die Vorsitzende Richterin die Beweisaufnahme am zweiten Verhandlungstag und befragte Polizisten, die nach dem Notruf die Tatortaufnahme durchführten. Dem Portfolio des staatlichen Ermittlungsapparates unterlief dabei eine Reihe von peinlichen Patzern, wie sich jetzt vor Gericht herausstellte. So berichtete der Kommissar erst auf mehrmaliges Nachfragen, dass er an der Hauseingangstür winzige Hebelspuren ausgemacht hatte. Das fünfköpfige Richtergremium ließ nicht locker und kramte ein Dokument hervor. Eine Absplitterung auf dem Rahmen ist auf den Unterlagen deutlich zu erkennen.

Es dauerte nicht lange, bis der nächste Fauxpas ans Tageslicht kam. Im Inneren der Praxis lagen zwei weiße Handschuhe in einem verqualmten Flur. Die Kleidungsstücke wiesen keinerlei Rauchgasniederschläge auf. Wie ist das möglich, wenn der gesamte Flur und die Teppiche auf dem Boden geradezu von Ruß getränkt sind?

Und schließlich der letzte Ausrutscher im Tatortbefundbericht. "Stirnseitig sind zwei Terrassentüren vorhanden. Die bei Sachverhaltsaufnahme ge- und verschlossen waren", vermerkte eine Passage. Bild 42 dokumentierte allerdings das Gegenteil und zeigte einen Behandlungsraum mit geöffneter Balkontür und mindestens zwei verschiedenen Schuhabdrücken auf der Erde. Der 37-Jährige Schutzmann zeigte sich zu Beginn seiner Vernehmung in Plauderlaune. Er änderte sein Verhalten, als die Richterin ihren Wissensdurst nicht bändigte. Alles wanderte ohne Veränderung in das Protokoll. Türen standen nicht offen. Merkwürdig nur, dass die fotografische Darstellung genau das Gegenteil bekundete.

Nach Auffassung des Dortmunder Verteidigers Ralf Neuhaus mehr als eine Kleinigkeit. Der Strafrechtler zeigte sich erschüttert von der schlampigen Aktenführung und trat für ein Umdenken ein. Er wollte die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft in jedem einzelnen Arbeitsschritt kritisch hinterfragen. Neuhaus hatte unzählige widersprüchliche Fakten gesammelt, um die Kammer für dieses Vorgehen anzutreiben. "Es bestätigte sich eindrucksvoll, dass der wahre Täter zurückkam und die Handschuhe dort ablegte", hieß es in seiner Erklärung und zeigte sich sicher, dass der Täter nach dem Brand in die Praxis zurückkehrte und die Handschuhe auf den Boden geworfen hat.

Der Fall hat der Reputation verschiedener niedersächsischer Strafverfolgungsbehörden tiefe Schrammen zugefügt. In Lüneburg zeigte sich deutlich, dass die vergangenen vierundzwanzig Monate bei den Beschuldigten tiefe seelische Wunden hinterlassen haben.

Nachdem zu Prozessauftakt ein möglicher Immobiliendeal als Motiv durch den Saal waberte, rückte nun ein Einbrecher, der in der Gegend sein Unwesen getrieben haben soll, als möglicher Täter in den Fokus. Im Januar geht der bis in den Sommer terminierte Prozess weiter, dann muss die ehemalige Besitzerin des Fachwerkhauses in den Zeugenstand treten.

Von Benjamin Reimers