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Celle Stadt Virtuoses Feuerwerk der Lebensfreude in Celler Synagoge
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Virtuoses Feuerwerk der Lebensfreude in Celler Synagoge
21:58 17.04.2016
Musik buchstäblich spürbar gemacht: die „Hamburg Klezmer Band“ bei ihrem Gastspiel in der voll - besetzten Celler Synagoge. Quelle: Michael Schäfer
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Zwischen Tradition und Moderne changierend und aus verschiedensten Quellen schöpfend, hatten die drei mit jüdischen Wurzeln behafteten Hamburger Profimusiker Mark Kovnatskiy (Violine), Stanislav Dinerman (Akkordeon) und Mikhail Manevitch (Tuba) dabei weit mehr zu bieten als Klischees: Hochvirtuos, mit viel Seele und ungebremster Tanzwut holten sie den Zauber der Tradition quasi neu in die Gegenwart.

In ihrem impulsiven Zusammenspiel brachten sie dabei alle Facetten der Klezmermusik zum Vorschein: Da trauerte etwas im Fröhlichen, und da sang etwas im Traurigen, da schwang Schweres im Leichten und lachte Leichtes im Schweren. Doch in der Summe ergab es am Ende nur eines: ein wahres Feuerwerk osteuropäischer Lebensfreude, ein Konzert, das unter die Haut ging und Musik buchstäblich spürbar machte.

Bei temperamentvoll gestalteten traditionellen Tänzen wie Freylekhs, Horas, Blugars, Doinas und Sirbas eröffnete das Trio dem Publikum eine Welt des Klezmers voller Lebenslust und liebenswerter Verrücktheit, aber dennoch mit Tiefgang, manchmal überschwänglich ausufernd, dann wieder sensibel fließend. Und fast immer gipfelten nicht nur die ohnehin schon schnellen Tänze, sondern auch die getragenen, schwermütigen, aus dem Leid und harten Leben des Volkes heraus entstandenen Instrumentalstücke mit unaufhaltsamer Temposteigerung in einem befreienden Trotz.

Dieser Dramatik folgend erspürten die Interpreten beseelt und tief in die Musik versunken die zwischen den Noten verborgenen Gefühlsregungen, die sie in atemberaubend virtuose, rhythmisch pointierte Musik verwandelten. Springende Töne, flirrende Melodien, Triller und Vibrati wurden mit flinken Fingern und ungemein variationsreich aus den Instrumenten gekitzelt. Und wenn die begeistert mitgehenden Zuhörer bereits den Eindruck hatten, dass das Tempo nicht mehr zu steigern sei, gab es doch noch eine Beschleunigung.

Für das sprichwörtliche „Sahnehäubchen“ sorgte vor der Pause der Tubist Mikhail Manevitch, der über die einzigartige Begabung verfügt, durch Herausdrücken der Luft Melodien aus seinen ineinander verschränkten Handflächen zu erzeugen. Zum Vergnügen des Publikums lieferte er dazu eine faszinierende Kostprobe, bei der man unschwer das italienische Volkslied „Funiculi, Funiculà“ heraushören konnte.

Von Rolf-Dieter Diehl