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Celle Stadt Virtuoses Fußspitzengefühl bei
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Virtuoses Fußspitzengefühl bei
16:33 12.12.2013
Das Ensemble des Russischen Staatstheaters brachte das Tschaikowsky-Ballett „Schwanensee“ mit solch Charme und Eleganz auf die Bühne der Congress Union, dass man fast befürchten musste, den Zauber mit allzu heftigem Szenenapplaus zu zerstören. Quelle: Alex Sorokin
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Das wunderschöne Märchen vom jungen Prinzen Siegfried, der sich in die Schwanenprinzessin Odette verliebt und sie vom bösen Zauber des Herzogs Rotbarts befreien will, verarbeitet die uralte Suche nach unerreichbarer Liebe, Schönheit und Vollkommenheit und fasst damit alle Ideale des romantischen Balletts zusammen. Die rund 700 Zuschauer in der Congress Union gaben sich nur zu gern dem romantischen Zauber hin, der sich aus graziöser Eleganz, atemberaubenden Sprüngen und innigen Pas de deux am verträumten Schwanensee entfaltete. Allein mit der Körpersprache wurden all die großen Empfindungen wie Liebe und Sehnsucht, Einsamkeit und Eifersucht, Schmerz und Glück inbrünstig und überdimensional dargestellt. Was das Ensemble dabei – dahinschmelzend eingebettet in den Kantilenenfluss der Musik – mit seinem enormen tänzerischem Fußspitzengefühl bot, war von so herzergreifendem Charme und darstellerischer Eleganz, dass man fast befürchten musste, mit allzu heftigem Szenenapplaus diesen Zauber zu zerstören.

Geschmeidig und kraftvoll zugleich präsentierten sich die Akteure in ihren traumhaften Kostümen vor stimmungsvollen Bühnenbildern. Spannungsreich pointierte temperamentvolle Szenen wechselten sich ab mit Momenten unendlicher Zartheit und fast rührseliger Unschuld. Zu den zahlreichen Höhepunkten gehörte neben den Grand Jetés und Pirouetten der Solisten vor allem dem Tanz der Schwäne, darunter die unbeschreiblich poesievolle Paradenummer der vier kleinen Schwäne. Atemberaubend schön auch die Pas de deux des Prinzen mit dem weißen Schwan im zweiten und – mit einer atemberaubenden Serie aufeinanderfolgender Fouettés, wie man die peitschenartig wirbelnden Drehungen der Tänzerin auf der Fußspitze nennt – mit dem schwarzen Schwan im dritten Akt. Überhaupt waren die beiden Hauptrollen akkurat besetzt: Der Prinz wirkte kraftvoll und forsch nach außen, einfühlsam und zärtlich nach innen, und die Schwanenprinzessin wusste in ihrer Doppelrolle als weißer und schwarzer Schwan die zarte Reinheit und Unschuld der Odette ebenso ausdrucksstark und glaubwürdig umzusetzen wie die hinterhältige, lockende Verführung der Odile.

In den großen Szenen des Corps de ballet zeigte sich immer wieder die enorme Meisterschaft des Ensembles, die Bühnensprache auf bloße Körperlichkeit zu reduzieren, wenn etwa die nicht eben handliche Zahl von achtzehn Schwänen in immer neuen Arrangements aus Bewegung und Innehalten seine emotionale Ausdruckskraft entfaltete, wenn sich Kreise in Diagonalen auflösten und Dreiecke in Geraden, und das alles ungemein organisch und scheinbar wundersam leicht.

Von Rolf-Dieter Diehl