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Celle Stadt Volkstrauertag: Celler-Schüler erinnern an ermordete Kinder
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Volkstrauertag: Celler-Schüler erinnern an ermordete Kinder
18:33 19.11.2017
Von Gunther Meinrenken
Bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag legten verschiedene Verbände Kränze am Mahnmal im Stadtgarten nieder. Quelle: Oliver Knoblich
Celle Stadt

Bei der Gedenkfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gelang dies auf eindrucksvolle Weise Schülern des Hölty-Gymnasiums, die sich für diesen Anlass speziell mit dem Thema Euthanasie im Dritten Reich beschäftigt haben.

380.000 im NS-Jargon als "erbkranke Männer und Frauen" bezeichnete Personen waren ab 1933 zwangssterilisiert worden, 200.000 Menschen wurden systematisch ermordet, an 5000 von ihnen wurden medizinische Versuche vorgenommen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung der Schüler des elften Jahrgangs stand in diesem Zusammenhang die Landes-Heil und Pflegeanstalt Lüneburg. Auch hier ließen sich die Verantwortlichen vom NS-Regime willig einspannen. In der so genannten Kinderfachabteilung wurden mehrere hundert Kinder getötet.

Werner Wolters, Eckhard Willumeits, Rudolf Hagedorn – die Schüler des Hölty-Gymnasiums gaben den Ermordeten einen Namen und brachten damit das Leid und die Verbrechen auf eine persönliche Ebene, herausgelöst aus reinen, anonymen Opferzahlen. Sie berichteten, dass den Kindern nach deren Tod die Hirne zu Forschungszwecken entnommen worden waren. Rudolf Hagedorn litt an Epilepsie. Der Kontakt zu seiner Mutter wurde stark eingeschränkt. Sie erfuhr vom Tod ihres Sohnes erst, als sie ihn besuchen wollte.

Die Verantwortlichen, wie Willi Baumert, der noch vor der Machtergreifung Hitlers der NSDAP beigetreten war, wurden oft nicht zur Rechenschaft gezogen. Ein Verfahren gegen den damaligen Leiter der Kinderfachabteilung wurde nach dem Krieg eingestellt, weil er angeblich verhandlungsunfähig war – als Klinikleiter war er dennoch weiter tätig. Später erklärte er, er habe sich an die Anweisungen gebunden gefühlt.

Dann schlugen die Schüler einen Bogen in die Gegenwart, machten darauf aufmerksam, dass sich die Gesellschaft zwar gewandelt habe, aber etwa behinderte Mitschüler trotz Inklusion immer noch teilweise Witzen ausgesetzt und nicht alle voll in die Schulgemeinschaft integriert seien. Daher solle sich jeder dafür einsetzen, dass alle die Chancen erhalten, ihre Persönlichkeit frei zu entfalten.

An der Trauerfeier am Mahnmal im Stadtgarten, wo im Anschluss Kränze niedergelegt wurden, haben auch erstmals britische Reservisten teilgenommen und ebenfalls einen Kranz niedergelegt. Die Vertreter der Royal Artillery Association aus Celle pflegen seit etwa 13 Jahren eine Partnerschaft mit der Celler Reservistenkameradschaft. "Wir waren schon öfter beim britischen Remembrance Day, dem Pendant zum Volkstrauertag. Jetzt waren unsere britischen Freunde zum ersten Mal bei uns", freute sich der Vorsitzende der Reservistenkameradschaft Ralf Bätje.