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Celle Stadt Vom "Jugend musiziert"-Teilnehmer zum Jury-Mitglied
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Vom "Jugend musiziert"-Teilnehmer zum Jury-Mitglied
07:17 04.05.2015
Erst Teilnehmer, nun Jury-Mitglied: Fabian Schmidt Quelle: Rolf-Dieter Diehl
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Mit dem Ziel, „dem eklatanten Mangel an qualifiziertem Orchesternachwuchs ein Ende zu bereiten“, wurde 1963 der bundesweite Wettbewerb „Jugend musiziert“ ins Leben gerufen und erstmals ausgeschrieben. 1964 fand das erste Bundesfinale in Berlin statt. Seitdem ist dieser Wettbewerb zum bedeutendsten Förderprojekt für musikalischen Nachwuchs in Deutschland geworden. Doch sein Schwerpunkt hat sich mittlerweile gewandelt: Heute steht neben dem Fördergedanken junger Musiker die künstlerische Standortbestimmung im Vordergrund.

„Aber es gibt sie noch, diese Schüler, die unbedingt wollen und sich bei ‚Jugend musiziert‘ in die Sache stürzen, doch es werden immer weniger, und die Tiefe geht meiner Meinung nach auch verloren“, sagt Fabian Schmidt, der vor zehn Jahren noch als Teilnehmer (und 1. Bundespreisträger) beim Wettbewerb dabei war und in diesem Jahr erstmals in der regionalen Jury mitwirkte. Und das mit spürbarer Freude: „Vor allem unter den jüngeren Teilnehmern habe ich sehr hoch motivierte und interessierte Kandidaten erlebt, und es hat großen Spaß gemacht, denen zuhören zu dürfen“, schwärmt er. Er habe sich aufrichtig gefreut, als er gefragt wurde, ob er in der Jury mitwirken wolle: „Endlich mal den Wettbewerb von der anderen Seite kennenlernen und es hoffentlich besser machen, als man es selbst erlebt hat.“ Viele Gedanken habe er sich darum gemacht, wie man „den Kandidaten trotz der kurzen Zeit, die man im Gespräch nur hat, möglichst konstruktiv etwas mitgeben“ könne. „Das fand ich fast das Schwerste an dieser Sache“, habe er feststellen müssen.

Im Alter von zwölf Jahren begann Schmidt im Posaunenchor Sülze mit der Blasmusik. Drei Jahre später erhielt er den ersten professionellen Unterricht an der Kreismusikschule Celle und wurde im weiteren Verlauf unter anderem Mitglied der Bigband Celle und des Niedersächsischen Jugendsinfonieorchesters, studierte an der Musikhochschule Mannheim Posaune, machte seinen Bachelor-Abschluss an der „Guildhall School of Music and Drama“ in London und ging dann für sein Masterstudium nach Leipzig und nach Berlin, wo er heute lebt und als Posaunist im Brandenburgischen Staatsorchester tätig ist.

An seine erste Teilnahme bei „Jugend musiziert“ kann er sich noch gut erinnern: „Da ich erst relativ spät mit Posaunenunterricht angefangen habe, hatte ich immer das Gefühl, etwas nachholen zu müssen. Mir ging es vor allem darum, mich möglichst gut zu verbessern.“ Doch bei den Bewertungsgesprächen – stellt der inzwischen auch als Dozent tätige Posaunist aus heutiger Sicht fest – habe es an pädagogischer Kompetenz gemangelt. Es sei den Juroren zumeist nicht gelungen, sich den Kindern und Jugendlichen gegenüber verständlich auszudrücken. Auch heute noch werde der pädagogische Aspekt gegenüber dem Fachlichen „eher stiefmütterlich“ behandelt. Die Kürze der pro Bewertungsgespräch zur Verfügung stehenden Zeit von nur wenigen Minuten lasse ohnehin ein „Gespräch“ gar nicht zu, lässt Schmidt durchklingen. Er vermisse zudem, dass sich die Aussagen der Juroren „direkt, in einer für das Kind verständlichen Sprache“ an die jungen Teilnehmer (und nicht an deren Lehrer) richten. „Eigentlich ein Grundsatz der Pädagogik, aber ich habe das leider zu oft anders erlebt“, bedauert er, wenn „am Ende nur ‚hochtrabendes Fachchinesisch‘ herauskommt und das Kind, das da vor einem sitzt, kein Wort versteht und konkret kaum etwas mitnehmen kann.“

Aber auch das Bewertungsverhalten habe sich geändert, urteilt Schmidt aus seiner Sicht: Früher sei es strenger zugegangen, da es „wirklich um Leistung“ gegangen sei. Heute habe er mitunter den Eindruck, dass es eher darum gehe und in der heutigen Zeit vielleicht auch gehen muss, „die Kinder und Jugendlichen bloß nicht zu demotivieren, sondern bei der Stange zu halten“. Doch es gehe nicht um den momentanen Erfolg des Augenblicks, sondern um tiefer gehende und lang anhaltende Motivation. „Ich empfinde die Musik immer noch als eines der besten Lernfelder für Kinder und Jugendliche, wo sie absolute Kernkompetenzen für ihren späteren Werdegang erlernen können, wie zum Beispiel Konzentration auf eine Sache, Selbstdisziplin und Teamwork“, stellt Schmidt abschließend nachdrücklich fest.

Von Rolf-Dieter Diehl