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Celle Stadt Vom Kuss-Walzer zur Schwips-Polka
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Vom Kuss-Walzer zur Schwips-Polka
21:51 01.01.2014
Neujahrkonzert der L neburger Synphoniker in der alten Exerzierhalle Quelle: Benjamin Westhoff
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Nicht als Konkurrenz, sondern als willkommene Bereicherung des – übers Jahr gesehen – nicht gerade üppigen sinfonisch-orchestralen Angebotes in Celle werteten die begeisterten Gäste das gestrige Neujahrskonzert-Gastspiel der Lüneburger Symphoniker in der Alten Exerzierhalle. Mit Kompositionen unter anderem von Franz von Suppé, Emmerich Kálmán, Franz Lehár sowie Johann Strauß (Vater und Sohn) versetzte das Orchester unter der Leitung von Thomas Dorsch die Zuhörer hellauf in Verzückung. Ausschnitte aus „Gräfin Mariza“, „Csárdásfürstin“ und „Paganini“ sowie unsterbliche Walzer wie „Rosen aus dem Süden“ und der Donauwalzer vermittelten schwerelose Liebeslust und Lebensfreude.

Zum absoluten Publikumsliebling avancierte dabei die Gesangsolistin Katja Bördner (Sopran). Angefangen beim Kuss-Walzer „Il Bacio“ bis hin zur „Schwips-Polka“ („Irgendwas prickelt und kitzelt im Blute“) als köstlich inszenierter Zugabe breitete sie mit ihrem herrlichen Koloratursopran, in dem sich lyrische Wärme wie von selbst mit glutvoller Leidenschaft verband, eine ganze Gefühlswelt vor den Zuhörern aus. Bei Arien wie „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ und „Für eine Nacht voller Seligkeit“ bewies sie zudem, dass ihr die leichten, quirligen Höhen ebenso liegen wie die leidenschaftlichen Tiefen, während ihre voluminöse Stimme bruchlos zwischen streichelsanft und emphatisch wechselte. Ob sie diese mimisch und darstellerisch adäquat unterstützte Stimme auf gehauchten, staccato aufwärts fliehenden Bläserakkorden tanzen ließ oder ihre Arien auf einem Minimum von zarter Streichergrundierung wie einen Sonnenaufgang gestaltete, sie verzauberte ihr Publikum, während Dorsch am Dirigentenpult selbst im pianissimo – bisweilen quasi aus den Kniekehlen heraus – noch die lodernde Glut der Kompositionen schürte.

Da konnte der spürbar indisponierte Tenor Karl Schneider beim besten Willen – den man ihm fraglos attestieren muss – nicht mithalten. Seine Soli („Gern hab’ ich die Frau’n geküsst“, „Freunde, das Leben ist lebenswert“) klangen angestrengt, seiner Stimme fehlte die Belcanto-Strahlkraft. Allein bei den Duetten mit seiner Partnerin („Die ganze Welt ist himmelblau“) schien er sich sicher zu fühlen. Anerkennend und aufmunternd honorierte das Publikum den energischen Willen des Sängers, sein Bestes zu geben, und sparte nicht mit Applaus.

Bei den rein instrumentalen Stücken kräuselten sich unter Dorschs Dirigat die Rhythmen zwischen „Leichter Kavallerie“, „Libellenpolka“ und „Kaiserwalzer“ wie aus dem Nichts zu aufschäumenden musikalischen Kaskaden, bisweilen dramatisch, mitunter gar expressiv und wild und dennoch elegant und prickelnd wie Champagner. Genüsslich spielten seine gut gelaunten und beschwingt mitgehenden Musiker die melodischen Bögen aus. Die am Ende mit lang anhaltendem Beifall vermittelte Botschaft der Zuhörer: Dieses Orchester darf gerne wiederkommen.

Von Rolf-Dieter Diehl