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Celle Stadt Vom Lustwandeln und der Wandellust
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Vom Lustwandeln und der Wandellust
16:21 25.10.2016
„Lustwandeln“ ist eines der Werke von Linde Hartmann, die in der Ausstellung „Naturellement!“ in der Celler Galerie Schwarzkunst gezeigt werden. Quelle: Alex Sorokin
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Umrahmt von den beiden Klarinettisten Viorella Schikarski und Hinrich Leithäuser, die unter anderem ein Menuett von Mozart darboten, führte Claus Hermann Woywodt ein in Leben und Werk der Künstlerin. Hartmann, die 1952 in Eisenberg/Thüringen geboren wurde und in Hamburg lebt, hat von 1979 bis 1984 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Professor Volker Stelzmann und Professor Bernhard Heisig „freie Malerei“ studiert.

In den Räumen der Galerie „SchwarzKunst“ präsentiert sie einen Querschnitt durch ihr Schaffen von 2010 bis heute. Wichtig sei ihr die kontemplative Symbiose aus zeichnerischen Bildvertiefungen und dem Aspekt der Zeit. Die sich über den Bildgrund ausbreitenden Überlagerungen entstünden ähnlich wie das „Lustwandeln“ in der Natur, die fast vergessene Kunst des gemächlichen und absichtslosen Streifens durch die Landschaft. „Schon als Kind habe ich endlos beobachtet“, so Hartmann. „Lustwandeln“ versteht sich also auch als Metapher für die Entkopplung von Raum und Zeit. Bilder entstehen und vergehen. Ganz direkt wird Zeit im Laufe der Überzeichnungen in das Bild mit eingeschrieben. Ein in der handwerklichen Ausformulierung auf die Gesamtkomposition abgestimmter Prozess hält da ein Zwiegespräch mit gedanklich tieferliegenden Ebenen. Dieses Miteinander ergibt ein spannungsreiches Geflecht, ein Netz unzähliger kleiner Formen und erscheint mal mehr, mal weniger dekorativ. Vereinzelt denkt man an Stoffmuster oder kunstvolle Tapeten, ohne durch diesen Vergleich den Kunstwert zu schmälern. Der Gedanke an Suchbilder sei der Künstlerin zwar weniger gekommen, dennoch scheint jeder kontemplativen Bewegung eine Suche inhärent zu sein. Das formale Spektrum der Künstlerin, die gegenstandslose Formensprache der Bilder ist markant. Auch das Moment der Wiederholung komme Hartmann gelegen. „Mir macht es schon Spaß, dass sich Dinge in die Fläche ausdehnen.“ Unwillkürlich meldet sich die Sprache des Ornaments zu Wort, Philip Taaffe, der Motive variiert und in neuen Konstellationen somit kontrastiert. Bei Hartmann wollen gerade die ornamental wirkenden filigranen Überzeichnungen Störfaktoren von Untergründigem sein. Das eine Statement ist eher nicht ihr Antrieb, sondern „Formen der Äußerung zu finden, um Luft zu holen.“ Oder wie es Woywodt formuliert: „Dieses Abbilden aus dem Wissen heraus will Hartmann durchbrechen.“ Sie lässt sich auf Prozesse der Veränderung äußerer wie innerer Bilder ein. Strukturen und Flächen interagieren. Und so scheint zwischen Bild und Betrachter eine Art Netz-Haut zu entstehen, eine Membran zwischen individuell gewachsenem Sehen.

Von Aneka Schult