Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Von Arbeit über Werte bis Liebe
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Von Arbeit über Werte bis Liebe
19:20 03.06.2012
Premiere "Doppelherz" Quelle: nicht zugewiesen
Celle Stadt

Zum Schluss gehört die Bühne jung und alt: Ein „Generationenprojekt“ ist nun als allerletzte Premiere des Schlosstheaters auf dem Gelände der CD-Kaserne angelaufen, bevor es zur nächsten Saison wieder zurück ins angestammte Domizil geht. „Doppelherz“ heißt die sympathische Produktion, in der 26 Laien unterschiedlichen Alters mitwirken – entweder 56 plus oder 19 minus, mit Ausnahme einer 40-jährigen „Exotin“. Insgesamt reicht die Spannbreite von 9 bis 86.

Regisseurin Antje Timmermann und Dramaturg Tobias Sosinka haben dieser Truppe kein fertiges Stück vor den Latz geknallt, sondern die Inhalte im Laufe der Proben entwickelt. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich heutzutage Begriffe von „Arbeit“ über „Werte“ bis „Liebe“ aus Sicht der jeweiligen Generationen darstellen – der Rest ergab sich nicht zuletzt aus den Erfahrungen, Gedanken und speziellen Talenten der Beteiligten.

Entstanden ist so eine Szenenfolge rund um eine sechsköpfige Familie. Zum Missfallen von Großvater Otto (schön polterig: Horst Teichert) zeigt Enkel Leon wenig Interesse an der Übernahme der Familientischlerei, sondern möchte lieber Konzertpianist werden (Darsteller Larsen Garner beherrscht das Klavier tatsächlich ausgezeichnet). Seine Schwester Nicole (temperamentvoll: Nora Nieskens) hat da schon eher ein Händchen für wirtschaftliche Fragen. Die alleinerziehende Mutter Marianne (mit jugendlichem Elan: die 66-jährige Ingried Meyer) setzt sich zwischen alle Stühle, als sie eine Beziehung mit dem erheblich jüngeren Kai-Uwe anknüpft (komödiantisches Talent bei Noel Heine, der sich in den weiteren Vorstellungen mit Patrick Papke abwechseln wird). Oma Hilde (sehr souverän: Ingeborg Berns) ist die gute Seele des Hauses, zeigt aber zunehmende Zeichen von Demenz. Nesthäkchen Sophie (frisch-anrührend: Julia König) hat die Neigung, Konflikten mit einem ausgeprägten Fluchtreflex zu begegnen.

Natürlich darf man weder Geschichte noch Darstellung nach professionellen Maßstäben beurteilen. Diese Vorstellung lebt vom Enthusiasmus der Mitwirkenden und von den kleinen magischen Momenten, die Berufsschauspieler in solcher Unmittelbarkeit kaum noch hinkriegen. Was keineswegs bedeutet, dass die Sache nicht zu optimieren wäre: Zwar hat Marc Vinzing, Ensemblemitglied des Schlosstheaters, bei den Proben sein Know-How beigesteuert, doch sind vereinzelt handwerkliche Schnitzer zu beobachten, die korrigierbar scheinen – überschnelles Sprechen etwa ist der Textverständlichkeit abträglich.

Gleichwohl entwickelt das muntere und immer wieder sehr musikalische Treiben im farbenfrohen Vielzweck-Bühnenbild von Alexander H. Schulz so viel Charme, dass man das etwas abrupte Ende nach rund 45 Minuten bedauern mag. Ein wenig länger hätten sich die Akteure ruhig austoben können.

Übrigens ist die Anschaffung des Programmfolders dringend zu empfehlen. Alle 26 Mitwirkenden nennen darin je einen Vorteil von Jugend beziehungsweise Alter, und die Liste enthält einige wunderbare Aussagen. Keine elementaren Sorgen muss sich dabei die 9-jährige Malin Koster machen, wenn sie als Privileg des Jungseins anführt: „Man kann Quatsch machen“ – die Fähigkeit hierzu geht jedenfalls bei Erwachsenen nicht zwangsläufig verloren.

Von Jörg Worat