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Celle Stadt Von Humoreske bis Sinnlichkeit in der Congress Union
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Von Humoreske bis Sinnlichkeit in der Congress Union
16:58 28.05.2015
4. Sinfoniekonzert des Braunschweiger Staatsorchesters unter der Leitung von Alexander Joel Quelle: Alex Sorokin
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Als eine „Humoreske“ konzipierte Gustav Mahler seine berühmte vierte Sinfonie. In der Tat verbirgt sich hinter ihrer „klassischen“ Fassade eine romantische, ironisch-ernste Fabel über die Welt, über Himmel und Hölle, Vergänglichkeit und Ewigkeit. Zusammen mit der nicht minder populären „Fünften“ von Beethoven bildete sie am Mittwoch in der Congress Union das am Ende mit überschwänglichem Beifall bedachte Programm des Braunschweiger Staatsorchesters bei seinem 4. Sinfoniekonzert.

Unter der Leitung von Alexander Joel präsentierte das Orchester eine gleichermaßen zügige wie ausgewogene und warmherzige Interpretation von Mahlers „lyrischer Sinfonie“, die wunderschön ausmusizierte Momente und einen vorbildlich aufgefächerten Klang bot, aber auch Zwischentöne und jenen Mut zu Extremen, der sich – insbesondere bei den „zwischen den Zeilen“ lauernden Grotesken – auf Sinn für Spannung und Struktur stützte.

Joel führte das Orchester dabei zur Entfaltung eines berückenden Klangzaubers. Er kehrte die der Sinfonie innewohnende doppelbödige Ironie mit abrupten Tempo- und Dynamikkontrasten nach außen, spürte akribisch jedem kleinsten Detail nach und offenbarte so ihren weit gespannten subtilen inneren Reichtum und ihre herbe Schönheit. Das im dritten Satz als „ruhevoll“ charakterisierte „Poco adagio“ mit seiner Mixtur aus Heiterkeit und Feierlichkeit, Anmut und Leidenschaft beispielsweise verströmte eine hinreißende, klar konturierte Grazie, welcher der gleichermaßen blutvolle wie augenzwinkernde Engelsgesang der Vokalsolistin Liana Aleksanyan (Sopran) im mit „sehr behaglich“ apostrophierten vierten Satz in nichts nachstand.

Sie wusste dem Liedfinale („Das himmlische Leben“) viele zarte und heitere, aber auch die passenden schrillen und gurrenden Töne mitzugeben. Ihre Melange von gespielter Naivität, Erfahrung und Entrücktheit erwies sich dabei als probates Mittel, in einer Balance zwischen kindlich-heiterer und kindlich-grausamer Unschuld einerseits und „weltwissendem“ Hintersinn andererseits die Zuhörer etwas unsanft aus den sanften Träumen des dritten Satzes herauszureißen.

Mit Beethovens „Schicksalssinfonie“ mit ihrem berühmten „Ta-Ta-Ta-Tah“-Motiv entfaltete Joel nach der Pause den ganzen revolutionären Elan des Komponisten. Gewürzt mit jener wohldosierten Prise an Gefühlswärme und Überschwänglichkeit, mit der man nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz überzeugt, bot das Orchester in seiner gekonnt gewaltigen Rhetorik zwischen Klangballungen und Energiestauungen eine mitreißende Kombination aus eruptiver Sinnlichkeit, emotionaler Glut und impulsiver Kraft bis hinein ins triumphale Finale.

Von Rolf-Dieter Diehl