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Celle Stadt Von Menschen und Maden: Mark Benecke kommt nach Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Von Menschen und Maden: Mark Benecke kommt nach Celle
18:44 18.10.2016
Der "Herr der Maden" bei der Arbeit: Dr. Mark Benecke ist einer der besten Kriminalbiologen der Welt und bekannt aus verschiedenen Fernsehformaten. Quelle: Annie Bertram
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Herr Benecke, Ihre Leidenschaft ist alles andere als alltäglich. Wie kamen Sie zu dieser und damit zu Ihrem Beruf?

Als Kind wollte ich eigentlich Koch werden. Aber auch die Spurensuche hat mich irgendwie schon immer fasziniert: Ich habe immer versucht, Schneeflocken mit Lack einzufangen. Für das Mikroskop. Und ich habe Staub auf Tesafilm geklebt und untersucht. Daher kann man wohl sagen, dass ich mich schon immer für spurenkundliche Dinge interessiert habe. In der Schule fand ich auch Chemie immer gut. Und dann habe ich Bio studiert, weil ich Bio gut fand und habe während des Studiums ein Praktikum in der Rechtsmedizin gemacht. Und so kam das dann.

Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf besonders?

Menschen strengen mich oft an. Ich gucke mir daher lieber Dinge an, weil sie so klar, schön und friedlich sind. Das Beste und wirklich Unbezahlbare ist, dass ich nie weiß, was in fünf Minuten an Anfragen kommt. Da mir schnell langweilig ist, ist das also perfekt für mich und meine Mitarbeiterin Tina, die genauso gestrickt ist.

Sie beschäftigen sich mit Krabbeltieren, Blut und Verwesung. Kam da niemals Ekel auf?

Also vor den Tieren wirklich nicht. Das ist nicht vor mir hergetragen, da will ich auch nicht cool sein. Bin ich auch nicht. Also: Ich kann keinen Sport, ich habe keinen Führerschein. Ich sehe wirklich ganz zutiefst die Schönheit in der Natur und bin in erster Linie Biologe, nicht Kriminalist. Das ist nur die Ausübung meiner biologischen Tätigkeit.

Sie sagen, dass die Tiere an einem Tatort viel über die Leiche aussagen können. Wie funktioniert das?

Na ja, erst einmal setzt die Selbstauflösung der Zellen ein, die Autolyse. Wir essen und trinken nichts mehr, das ganze Energiegleichgewicht geht kaputt. Dann zerfällt alles, es tritt viel Wasser aus – das ist für die Bakterien gut, die können Wasser und freiwerdende Nährstoffe nutzen. Dadurch wird alles viel weicher. Die Insekten können Eier ablegen. Die Maden, also die Kinder der Fliegen, können dann gut fressen und es entsteht eine neue Generation von Fliegen. Diese Abläufe untersuchen wir und fragen uns, was es über die Tat und die Leiche aussagt.

Sie sprechen voller Faszination von Tieren, die für andere nur Ungeziefer sind ...

Ohne Aaskäfer, Schmeißfliegen und andere würde die Welt innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen. Ich mag die Tiere alle. Überflüssig sind nur wir Menschen. Sowohl von der Biomasse als auch von der Artenvielfalt her – der Mensch ist ein kleiner, guter, freundlicher Witz der Evolution.

Dennoch beschäftigen Sie sich mit ihm. Sie sehen Tatorte, Leichen, unschöne Dinge. Wie verarbeiten Sie das?

Meine Arbeit ist in Wirklichkeit nur etwas ganz Samtweiches im Kreislauf der Natur. Professionelle Distanz habe ich nicht. Ich bin einfach so, dass ich mir auch für andere schrecklich wirkende Dinge anhören kann. Mein Gehirn filtert alles heraus, was keine Spuren sind. Das fällt dann einfach durch.

Sie sind über und über tätowiert, haben Hobbys, die für andere skurril klingen mögen. Woher kommt das?

Es gibt auf der Welt ganz einfach zwei Hauptgruppen von Menschen. Das ist ziemlich deutlich ausgeprägt, gut untersucht und nicht einfach eine Meinung von mir. Der eine Teil der Menschen ist eher liberaler und aufgeschlossener und der andere eher weniger. Das war schon immer so, man kann es auch leicht bei politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen verfolgen. Ich bin den Dingen gegenüber offen eingestellt, und damit ist das eigentlich auch schon erklärt.

Wann und mit welchen Fällen sollte ich denn nun zu Ihnen kommen?

Ich nehme jeden Fall an, der Sinn ergibt: Von Silberfischchen oder Schmeißfliegen, die unerklärlicherweise auftauchen, bis hin zu mumifizierten Katzen auf dem Speicher oder getöteten Kindern. Für mich sind alle Fälle gleich, solange es Spuren gibt. Wenn es keine Spuren gibt, kann ich nichts tun. Gunnar Schulte

Von Gunnar Schulte