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Celle Stadt Von der Bankenmetropole ins Celler Rathaus
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Von der Bankenmetropole ins Celler Rathaus
14:15 22.03.2017
Von Gunther Meinrenken
Tim Wawrosch arbeitet seit Anfang des Jahres in der Finanzabteilung des Neuen Rathauses. Zu seinen Aufgaben gehört die Beobachtung des Kreditmarktes und der städtischen Kredite. Quelle: Michael Schäfer
Celle Stadt

Die Anstellung von Wawrosch war für beide Seiten ein Glücksfall. Im Rahmen einer Stellennachbesetzung im Finanzbereich hat Bertram genau so jemanden wie Wawrosch gesucht. „Das Geld ist gerade billig. Aktuell verdienen wir sogar daran, wenn wir Kassenkredite aufnehmen, das sind aber nur etwa 5000 Euro pro 10 Millionen Euro Kreditsumme aufs Jahr gerechnet“, erklärt der Erste Stadtrat. Diese Chance möchte Bertram nutzen, um die Kreditrisiken der Stadt langfristig abzusichern, wenn die historische Tiefzinsphase einmal vorbeigehen sollte. Denn damit rechnet jeder. „Dann müssen wir die Zinslast so niedrig wie möglich halten. Und um das zu erreichen, ist es gut, jemanden an Bord zu haben, dessen Profession das ist“, sagt der Kämmerer.

Für Wawrosch waren familiäre Gründe ausschlaggebend, Frankfurt den Rücken zu kehren. „Natürlich verdient man in Frankfurt wirklich ganz gut, aber dafür arbeitet man auch sehr viel. Zwölf Stunden am Tag sind keine Seltenheit. Das war nicht der Weg, den ich dauerhaft gehen möchte“, berichtet Wawrosch. Mit der Geburt seiner Tochter seien für ihn andere Dinge wichtiger geworden. „Meine Frau ist Lehrerin. Als sie eine Stelle in Celle bekommen hat, war klar, dass ich hier etwas suchen werde. Die Stellenausschreibung der Stadt Celle kam da genau zur richtigen Zeit“, erzählt Wawrosch.

Nun beschäftigt sich der Finanzexperte mit den langfristigen Krediten für Investitionen und den so genannten Liquiditätskrediten, mit denen die Stadt Engpässe kurzfristig überbrückt. Eine erste Bestandsanalyse hat Wawrosch bereits vorgenommen. Ergebnis: Die Stadt hat solide gearbeitet und in der Vergangenheit vieles richtig gemacht. „Zinsbindung und Anbieter der Investitionskredite sind gleichmäßig gestreut, die Stadt hat klassisch agiert, aber mit viel Sachverstand. Lediglich die Tilgungsleistung ist etwas zu hoch. Nun müssen wir Volumen schaffen für alternative Finanzierungsformen wie etwa Schuldscheine oder variabel verzinsliche Darlehen“, stellt Wawrosch fest.

Generell gelte es, in der Phase niedriger Zinsen möglichst viel mitzunehmen, dabei aber die Flexibilität zu bewahren. „Wir wollen Zinssicherung betreiben“, so Wawrosch. Dabei müsse man im Kassenkreditbereich die gesetzlichen Vorgaben ausschöpfen und neue Finanzierungsformen prüfen, etwa Gemeinschaftsanleihen zusammen mit anderen Kommunen.

Wawrosch, der nach seinem Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Bayreuth bei der Dresdner Bank angefangen hatte, als Bilanzanalyst und im Risikocontrolling, wechselte früh in die Investmentbranche auf die Seite der Kreditnehmer. So genannte Portfolioanalysen, also die Untersuchung der Zusammenstellung der Kredite, wie er sie jetzt für die Stadt angestellt hatte, gehörten schon damals zu seinem täglichen Geschäft. „Bei der Stadt sitze ich nun nicht den ganzen Tag vor dem Computer und suche den Kredit mit den günstigsten Bedingungen für uns“, erklärt Wawrosch. Natürlich beobachte er den Markt, studiert Fachartikel und die Wirtschaftsteile der Tageszeitungen und auch die Vorbereitung von Transaktionen gehörten selbstverständlich zu seinen Tätigkeiten. Aktuell erstellt Wawrosch Modellrechnungen zur Entwicklung der Kassenkredite und für das Haushaltssicherungskonzept, das kommende Woche der Politik vorgelegt werden soll.