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Celle Stadt Vortrag in Celle über NS-"Euthanasie"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Vortrag in Celle über NS-"Euthanasie"
12:59 01.06.2016
Celle Stadt

Als „Euthanasie-Morde“ ging die Ermordung Tausender behinderter Menschen während der NS-Zeit in die Geschichte ein. Und diese Geschichte hat auch ein Celler Kapitel, das im Mittelpunkt eines Vortrags am Mittwoch, 8. Juni, 19.30 Uhr, im alten Kantoreisaal an der Kalandgasse 5 in Celle steht. Auf Einladung der Stadtkirchengemeinde referiert Andreas Babel. Michael Stier, der Kulturbeauftragte des Kirchenkreises Celle, moderiert den Abend, zu dem ab 19 Uhr Einlass ist.

Am Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort töteten vor allem junge Assistenzärztinnen nachweislich mindestens 56 behinderte Kinder aus ganz Nordwestdeutschland. Nach dem Krieg galten sie bei vielen als „gute Ärztinnen“. So auch Dr. Helene Darges-Sonnemann, die 1943 an die Kinderklinik des Allgemeinen Krankenhauses Celle wechselte, die sie viele Jahre lang leitete. Zusammen mit ihrem Mann, dem früheren Hitler-Adjutanten Fritz Darges, gehörte sie bis in die 1980er Jahre hinein zu höheren Celler Gesellschaftskreisen.

Die unfassbaren Vorgänge in der Hamburger Klinik und den späteren Lebensweg der beteiligten Ärztinnen, Krankenschwestern und Richter beschreibt der Journalist Andreas Babel in seinem Buch „Kindermord im Krankenhaus“. In seinem Vortrag beleuchtet der Blattmacher der Celleschen Zeitung die Hintergründe und lädt mit der Frage, zu welchen Taten gebildete Menschen fähig sind, zur Diskussion ein.

Interessant dürfte die Frage sein, was „man“ in Celle in den 1950 bis 1970er Jahren von der Vorgeschichte der Karrieristin Darges-Sonnemann wusste und wie man das, was man wissen konnte, vertuschte – gerade weil auch immer ein Mitglied der Stadtkirchengemeinde im Aufsichtsrat des Allgemeinen Krankenhauses sitzt.

Besonders hat den Referenten bei seiner Spurensuche interessiert, wie die Angehörigen heute mit der Thematik umgehen: mit der Schuldfrage, der verfehlten Aufarbeitung und der fehlenden Reue der Täterinnen. Babel ist es aber auch besonders wichtig, an die Opfer zu erinnern, an die schutzlosen Geschöpfe Gottes, deren Mütter von den Medizinerinnen getäuscht und belogen wurden. Der 49-Jährige beleuchtet in seinem Vortrag auch die Motive jener vier Ärztinnen, die sich widersetzten – zwei davon waren sehr gläubige Frauen. Er freut sich auf eine angeregte Diskussion zu diesem Thema. Das Buch „Kindermord im Krankenhaus“ (Edition Falkenberg, 224 Seiten mit zahlreichen Fotos) ist im Buchhandel zum Preis von 16,90 Euro erhältlich. Mehr zum Thema auch auf im Internet unter http://andreasbabel.wix.com/kindermord (jg)

Von Joachim Gries