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Celle Stadt Vortrag in der Celler Synagoge über über deutsche Autorinnen im Exil
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Vortrag in der Celler Synagoge über über deutsche Autorinnen im Exil
16:02 10.11.2017
Marie Dettmer berichtete in der Synagoge über deutsche Autorinnen im Exil, das Jazz-Duo Simon Becker-Foss und David Mohr umrahmte die Lesung. Quelle: David Borghoff
Celle

Wie hoch der Preis auch an kulturellen Werten war, die das NS-Regime zerstörte, zeigt die für den Abend eingeladene Referentin, Marie Dettmer, auf, indem sie sich einem im Vergleich zu den berühmten männlichen Kollegen von Joseph Roth bis Thomas Mann kleinen Ausschnitt des Kulturschaffens der 20er und 30er Jahre widmet. „‘Hotel Amerika‘ von Maria Leitner landete 1933 auf der Liste der zu verbrennenden Bücher“, berichtet Dettmer über die hochgelobte Journalistin und Lyrikerin. Dieses Schicksal eint die Autorinnen, denen Dettmer eine Stimme verleihen möchte. Gabriele Tergit, Irmgard Keun, Mascha Kaléko, Rose Ausländer und viele mehr – alle mussten sie ins Exil. Sie waren gezwungen, ihr gewohntes Leben aufzugeben und in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Es war nicht nur ein Bruch in den persönlichen Biografien, sondern bedeutete oft das Ende von Karrieren. Talente, die die deutsche Kultur enorm hätten bereichern können, wurden vernichtet.

Das Jazz-Duo Simon Becker-Foss und David Mohr erzeugt mit Gitarre und Saxophon die passende Stimmung für die gelesenen Passagen, von denen der Auszug aus Tergits „Im Schnellzug nach Haifa“ einer der schönsten ist: Eine Bäckerei in Tel Aviv bot günstige Ware, große, „herkunftsneutrale“ Kuchenstücke zum kleinen Preis. Nach kurzer Zeit ging das Geschäft pleite, während ein anderes einen Aufstieg erlebte: Ein aus dem Berliner Scheunenviertel stammender Bäcker backte kleine Stücke und verkaufte zum hohen Preis. Gabriele Tergit entschlüsselte das Erfolgsrezept: „Die entwurzelten deutschen Juden wollten Streusel, Bienenstich und Schweinsohr.“

Von Anke Schlicht