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Celle Stadt Vortrag über "Celler Judentaufe"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Vortrag über "Celler Judentaufe"
16:34 07.10.2016
An das Schicksal der Familie Kohls erinnert vor dem Haus Bergstraße 10 ein Stolperstein im Pflaster. Quelle: Oliver Knoblich
Celle Stadt

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hat Decker-Voigt eingeladen, über die „Celler Judentaufe“ zu referieren. Dieser kann darüber aus sehr persönlicher Sicht berichten, denn der damals taufende Pastor und Angehörige der „Bekennenden Kirche“ war sein Großvater. „Der Übertritt zum christlichen Glauben ist also keine Garantie für irgendwelche Vorteile hier in diesem Deutschen Reich. Arier werden Sie nicht durch die Taufe“, zitiert der Referent den Neuenhäuser Pfarrer im entsprechenden Kapitel seines neuen Buches „Vom Haken mit dem Kreuz“.

Der in Celle aufgewachsene Autor thematisiert seine Kindheit im Pfarrhaushalt in diesem dritten Band einer Romantrilogie. Und so geht es auch bei diesem außergewöhnlichen Ereignis in erster Linie um Wilhelm Voigt und seine Familie, weniger um die Jüdin Elsa Kohls und ihre Töchter Lieselotte und Edith, die aus innerer Überzeugung zum Christentum überwechseln wollten. Voigt taufte sie am 7. Juli 1935 in Anwesenheit von 30 Personen. „Es passierte zunächst gar nichts“, berichtet der Referent den rund 70 Zuhörern. Die Ruhe vor dem Sturm, wie sich zwei Monate später herausstellen sollte.

„Religion in Gefahr – Judentaufe in Celle“, titelte der „Niedersachsen-Stürmer“. „Nicht von Cellern, nicht aus der Gemeinde“, betont Decker-Voigt, „Theologen aus dem Reich feindeten meinen Großvater an.“ Die Hitlerjugend warf Steine durch die Pfarrhausfenster, aber nachhaltig schadete die Judentaufe ihm so wenig, wie sie die drei Frauen schützte. „Ich habe ja großen Respekt vor der Zivilcourage Ihres Großvaters, aber was wurde denn aus den Täuflingen?“, meldet sich Ingeborg Mehrens in der Fragerunde zu Wort.

Ein anderer Teilnehmer möchte wissen, wie sich der weitere Lebensweg Wilhelm Voigts gestaltete. „Nach dem Krieg machte er sich unbeliebt“, so sein Enkel, „weil er Personen, die im Dritten Reich in Amt und Würden waren, unterstützte.“ Bis 1958 blieb Wilhelm Voigt Pastor in seiner Gemeinde, 1963 starb er.

Die Antwort auf die erste Frage ist in Decker-Voigts Buch nicht niedergeschrieben. Vertreter des Stadtarchivs und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit haben das Schicksal der drei Cellerinnen recherchiert: Elsa Kohls verbrachte die letzten Monate ihres 47-jährigen Lebens im Ghetto von Lodz, wo sie am 20. April 1942 den Tod fand. Wie alt Edith wurde, ist nicht bekannt, vermutlich starb sie wie ihre Schwester Lieselotte in Auschwitz, sie war 17 Jahre alt.

Von Anke Schlicht