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Celle Stadt "Waisenkind" trifft nach 60 Jahren Jugendfreundin wieder
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Waisenkind" trifft nach 60 Jahren Jugendfreundin wieder
17:43 23.06.2017
Von Gunther Meinrenken
Hatten sich nach 60 Jahren viel zu erzählen: Ingrid Verhas (rechts) und ihre Jugendfreundin Hildburg Weber. Quelle: Oliver Knoblich
Celle Stadt

Hildburg Weber, die damals in den 50er Jahren Lampe hieß und die Tochter des Bahnhofsvorstehers Wilhelm Lampe ist, war von einem guten halben Dutzend Freunden über den Zeitungsartikel in der CZ informiert worden, in dem Ingrid Verhas ihr Schicksal im Nachkriegsdeutschland schilderte. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie ins Celler Waisenhaus gekommen. Ihre Schulfreundinnen Bärbel Jagau, die vor ein paar Jahren verstorben ist, und Hildburg luden Ingrid regelmäßig zu sich ein. Bei ihren Freundinnen erlebte Ingrid so ein Stück heile Familienwelt, ein ganz anderes Leben als im Waisenhaus.

"Ich habe eine Bilderbuchkindheit verlebt. Meine Mutter war immer da, wenn ich nach Hause kam. Für mich war es undenkbar, dass jemand keine Eltern mehr hatte. Ich konnte nach der Schule immer erst einmal meinen Frust abladen. Ingrid musste immer pünktlich sein und im Waisenhaus stand niemand in der Tür, war niemand, der sie gefragt hat, wie es in der Schule war. Das machte mich traurig", berichtet Hildburg. Eines Tages habe ihre Mutter gesagt, sie solle Ingrid doch mal mit zum Essen bringen, und so geschah es dann auch, so Hildburg, die mittlerweile in Süddeutschland lebt, aber immer noch Kontakte zu Freunden in der alten Heimat unterhält.

Von Ingrids Leben im Waisenhaus wusste Hildburg nur aus den Erzählungen ihrer Freundin. "Wir durften ja keinen Besuch bekommen, lebten hinter fünf Meter hohen Mauern und Gittern vor den Fenstern", berichtet Ingrid. So hat Hildburg das Waisenhaus auch nur von außen gesehen und Ingrid schlug sich mit Notlügen durchs Leben, um dieser Welt zu entfliehen. Erzählte den Aufseherinnen sie müsse zum Chor, um dann ihre Freundinnen zu treffen.

Hildburg stand ihrer Freundin zur Seite. "Ich muss so 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein, als mich Hildburg fragte, warum ich weine. Ich erzählte ihr, dass morgen Muttertag sei und ich zum Grab meiner Mutter nach Hannover wollte. Hildburg hatte gerade ein neues Fahrrad bekommen. Das alte versteckte sie dann am Seiteneingang des Waisenhauses. Damit habe ich mich dann auf den Weg nach Hannover gemacht", berichtet Ingrid. Doch in Eicklingen wurde die Fahrt von der Polizei gestoppt.

Die Geschichte, die eigentlich wie eine lustige Jugendsünde klingt, endete fast tragisch. Ingrid sollte in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Ihr Stiefvater verhinderte dies letztlich. Doch das junge Mädchen war so verzweifelt, dass sie im Waisenhaus durch eine Glastür sprang, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Noch heute kann man die Narben am Unterarm sehen.

Als Ingrid 16 Jahre alt war, trennten sich die Wege der beiden Mädchen. Das Waisenkind kam zu ihrer Tante. "Ich dachte nur, jetzt ist sie bei Verwandten, jetzt hat sie auch Familie, jetzt geht es ihr gut", erinnert sich Hildburg. Das Ingrid von ihrer Tante auf einer Stelle als Hausmädchen nach Osterode gegeben wurde, wo der Hausherr sie missbrauchte, wusste Hildburg nicht.

Nach vier Stunden endete gestern das erste Wiedersehen der beiden Jugendfreundinnen. Aus den Augen verlieren wollen sie sich jetzt nie mehr.