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Celle Stadt Was treibt den Mytos
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Was treibt den Mytos
12:53 20.12.2013
Nicht immer laden Eis und Schnee – wie hier auf den Dammaschwiesen – dazu ein, die an Weihnachten die neuen Schlittschuhe auszuprobieren. Quelle: Gert Neumann
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Gefühlt schon seit Monaten und alle Jahre wieder bewegt uns die Frage nach dem möglichen Festtagswetter. Werden die Weihnachtstage romantisch weiß oder wie sooft schmutzig grau angestrichen sein? Bei Aldi und Co. ist diese Frage längst geklärt. Schon seit September strahlen uns aus den Regalen ganze Regiemeter lustiger Schnee- und vermummter Schokoladenweihnachtsmänner an. Und in den Verkaufskörben türmen sich weiß bepuderte Pfeffernüsse und Christstollen zu wahren Gebirgen, während in Sternenpapier gewickelte Schokokugeln von einer eiskalten Heiligen Nacht künden. Die Botschaft dahinter: „Weihnachten wird natürlich weiß!“

Warum Weihnachten und Schnee hier und überall auf der Welt unauflöslich zusammenzugehören scheinen, weiß wohl keiner genau zu sagen. Schnee zu den Festtagen ist zumindest in Mitteleuropa, abgesehen von hohen Gebirgslagen, sehr selten. Und auch vom Geburtsort Christi lässt sich der Wunsch nach verschneiten Festtagen beim besten Willen nicht ableiten, denn wann schneit es schon mal im Heiligen Land? Ein religiöser Hintergrund besteht allenfalls durch die Farbe Weiß, die an hohen christlichen Feiertagen wie Weihnachten und Osten aufgelegt wird.

Der Blick in die Wetterstatistiken ist ernüchternd. So geht der Traum von weiß gepuderten Festtagen im Norddeutschen Flachland durchschnittlich nur ein- bis zweimal in zehn Jahren in Erfüllung. Dabei sind die Anforderungen für ein solches Ereignis sehr hoch. Amtlicherseits spricht man von weißen Weihnachten nämlich erst dann, wenn vom 24. bis 26. Dezember jeweils um 7 Uhr morgens eine geschlossene Schneedecke von mindestens einem Zentimeter Höhe liegt.

Ein solches Vergnügen hatten wir zuletzt vor drei Jahren. Damals war Deutschland komplett eingeschneit. Faßberg meldete vom 24. bis 26. Dezember eine sagenhafte Schneehöhe von 28 Zentimetern an allen drei Tagen, Tageshöchsttemperaturen von 0 bis minus 4 Grad und klirrende Nachtfröste bis minus 15 Grad. Weniger eisig, aber ähnlich schneereich, war davor Weihnachen 1981.

Dass der Weihnachtsmann in Mitteleuropa so selten mit dem Schlitten vorfahren kann, liegt am so genannten Weihnachtstauwetter, das durch die aufgewühlte Atmosphäre in dieser Jahreszeit verursacht wird.

Grund für das wilde Treiben auf dem Atlantik sind massive Temperaturunterschiede zwischen dem noch warmen Ozean und dem schon kalten Kontinent. Großräumige Luftströmungen aus weit entfernten Klimagebieten, in diesem Fall zum Teil sogar vom subtropischen Nordatlantik, gleichen die Temperatur- und daraus folgenden Luftdruckgegensätze aus. Ausgerechnet zu den Festtagen besteht eine sehr große Neigung zu ungestümen West- bis Südwestwetterlagen.

Mächtige Orkanwirbel drücken in breitem Strom milde Meeresluft Richtung Kontinent. Hat sich dann ein frühwinterliches Hoch über Mitteleuropa durch eine fehlende Schneedecke noch nicht stabilisiert, kann es kurz vor oder während der Feiertage von den anbrandenden Atlantikstürmen leicht abgeräumt werden. Das Weihnachtstauwetter gehört zu den treffsichersten Witterungsregelfällen (meteorologisch: Singularitäten) im Jahr und kommt daher fast so sicher wie das „Amen“ in der Kirche.
Abgesehen von den wenigen wirklich schneesicheren Regionen der Erde, scheint also mehr der Wunsch als die Wirklichkeit der Vater all unserer weißen Weihnachtsträume zu sein.
Besonders schwer haben es da natürlich die Bewohner der Südhalbkugel, wo Weihnachten in den Sommer und die Hauptferienzeit fällt. So ist den Neuseeländern trotz festlich geschmückter Schaufenster, Lichterketten und Weihnachtsmärkte die deutsche Winter-Weihnachtsseeligkeit eher fremd. Und selbst das White-Christmas-Feeling angelsächsischer Provenienz kommt bei 25 Grad im Schatten nur schwer rüber. Dafür ist den Neuseeländern der festtägliche Konsumrausch umso vertrauter, der vor allem für das traditionelle Familientreffen am ersten Weihnachtstag mit Geschenken und Barbecue im Grünen veranstaltet wird.
So wird der Mythos „Weihnachten“ unaufhaltsam und weltweit von immer mehr Kommerz und Konsum getrieben – auch in Deutschland, wo in einzelnen Branchen mehr als 25 Prozent der Jahresumsätze auf das Weihnachtsgeschäft im November und Dezember entfallen.
Zumindest hierzulande scheint die alljährliche Geschenkorgie nicht alles zu sein. So antworteten bei einer unrepräsentativen Umfrage im Internet auf die Frage: „Wünschen sie sich weiße Weihnachten „ja“ oder „ein“, stattlich 58 Prozent der Teilnehmer mit einem klaren „Ja“, 37 Prozent mit „Mir ist es egal“, während nur 5 Prozent sinngemäß „Ich hasse Schnee, auch oder vor allem vor Weihnachten“ zu Protokoll gaben.
Damit ist der Wunsch nach einer traditionellen, traumhaft schönen und kuscheligen Weihnachtszeit in der Deutschen Seele offenbar immer noch tief verwurzelt - gespeist aus der unbändig Erwartung und Vorfreude unserer Kindertage, den märchenhaften Weihnachtsgeschichten, dem stimmungsvollen glitzern von Kerzen und Kugeln am Christbaum und als Höhepunkt, aus die Erinnerung an die reine, ruhige und lautlose Pracht einer tief verschneiten, sternenklaren Heiligen Nacht.

Von Reinhard Zakrzewski