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Celle Stadt Wegmarke
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Wegmarke
23:04 05.08.2010
Von Klaus Frieling
Celle Stadt

Vor 60 Jahren wurde sie vor der Ruine des Stuttgarter Schlosses als „Dokument der Weisheit und des Mutes“ (so der damalige, erste Bundespräsident Theodor Heuss) verkündet, heute wertet sie der Schriftsteller Ralph Giordano als „Lehrstück deutscher Verdrängungskünste“. An der „Charta der Vertriebenen“ scheiden sich die Geister. Waren es doch die Deutschen selbst gewesen, die den verbrecherischen Krieg vom Zaune brachen, an dessen Ende Millionen Menschen ihre Heimat östlich von Oder und Neiße verloren.

12 Millionen Flüchtlinge mussten im Gebiet der neu entstehenden Bundesrepublik untergebracht und versorgt werden. Auch hier herrschten nach der Niederlage Not und Elend – die „Rucksackdeutschen“ waren nicht willkommen, erlitten nach den kriegsbedingten Traumata weitere Schmähungen. Ihr mit der Charta dokumentierter „Verzicht auf Rache und Vergeltung“ vollzog sich in dieser Zeiten des Bangens und Hoffens – und sollte, der Fairness halber, auch unter Berücksichtigung dieser Zeitumstände gewürdigt werden als Ausdruck von Integrationsbereitschaft und als frühe Wegmarke für das spätere Zusammenwachsen Europas.

Eine weitere Station auf diesem Weg markierte zwei Jahrzehnte später Willy Brandts Ostpolitik. Hier aber brachen viele Funktionäre der in Landsmannschaften organisierten Vertriebenen mit der eigenen Charta. Dass sie sich noch Mitte der 80-er Jahre zu einem Motto wie „Schlesien bleibt unser“ verstiegen, zeugt von machtpolitischen Motiven, die letztlich nur neues Unrecht schaffen würden. In der Folge manövrierten sich die Verbände Schritt für Schritt ins politische Aus. 60 Jahre nach der „Charta der Vertriebenen“ werden sie jenseits kultureller Traditionspflege auch nicht mehr gebraucht.