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Celle Stadt Weihnachtszeit ist Bettelzeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Weihnachtszeit ist Bettelzeit
22:15 20.12.2013
Einsam kniet ein Bettler in der Celler Innenstadt - in einer Ecke. Derzeit sind viele von ihnen auf dem - Weihnachtsmarkt zu sehen. Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Sein Name sei Josef, sagt er in gebrochenen Deutsch. Er sitzt nicht nur am Rand der Poststraße auf einem Sitzkissen in der Celler Innenstadt, er sitzt auch am Rand der Gesellschaft – Josef ist Bettler. Gerade zur Weihnachtszeit sind davon viele in der Innenstadt zu sehen.

Er komme aus Ungarn, sagt Josef. „Habe kein Geld, sechs Kinder, Tochter ist krank.“ Josef hat ihr Bild an seinen Pappbecher, den er demütig Passanten hinhält, gesteckt. Sie heißt Angela. 4 bis 16 Euro nehme er an einem Tag ein. „Leute geben gut“, sagt er. Ob er schon mal gehört hat, dass Leute zum Betteln gezwungen werden? Josef antwortet nur mit „glaube nicht“.

Szenenwechsel: Gut 30 Meter hinter ihm sitzt Andre – ebenfalls aus Ungarn, mit Foto am Pappbecher, mit Sitzkissen, mit kranker Tochter, mit so gut wie keinen Deutschkenntnissen – morgen werde er mit dem Auto „woanders“ hingefahren: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Dass es gewerbsmäßige Bettlerbanden gibt, ist kein Geheimnis – vorwiegend aus Osteuropa werden Männer und Frauen unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Nur um dann Geld zu erbetteln, dass sie danach an den Chef, der sie durch Deutschland fährt, abgeben müssen – so berichtete unter anderem die „Augsburger Allgemeine“ im April.

In Celle will niemand etwas von den Banden wissen: Die Stadt verweist an die Polizei, der Polizei liegen keine Informationen vor. „Betteln ist per se nicht verboten“, sagt Stadt-Pressesprecher Wolfgang Fischer. Theoretisch dürfe das jeder Bürger. Problematisch wird es in Zeiten des Weihnachtsmarktes. Dann hat die Celle Tourismus Marketing (CTM) in Stechbahn, Poststraße und Großen Plan Hausrecht, dürfte dort also Bettler verweisen. Geschäftsführerin Marianne Krohn sieht kein Problem, solange sich Bettler nicht „massiv auf dem Gelände des Weihnachtsmarktes auftreten“ und aggressiv um Spenden buhlen.

Die schwarzen Schafe und die Diskussion über sie wirken sich aber auch auf die ehrenwerten Bettler aus, wie man innerhalb der Szene hört. „Ich gehe davon aus, dass es schwarze Schafe gibt“, sagt Martin Hörner. Er steht mit seinem Esel in der Innenstadt und sammelt Spenden für den Gnadenhof für Tiere in Eschede. „Ich kann garantieren, dass alles direkt an die über 50 Tiere auf den Hof geht.“

Doch auch Hörner steht in der Kritik – Heidemarie Peters vom Tierschutzverein Celle ärgert sich: „Der Esel steht bei der Kälte den ganzen Tag auf dem Asphalt, das ist mit Sicherheit schädlich. Dazu der Krach, die vielen Menschen – aus unserer Sicht ist das Tierquälerei.“ Das Veterinäramt wiegelt allerdings ab: „Das Mitführen von Eseln in der Altstadt ist in diesem Fall kein tierschutzfachliches Problem, weil wir davon ausgehen, dass damit kein Leiden für die Tiere verbunden ist.“

Der kritisierte Hörner ergänzt: „Wenn es zu kalt ist, gehen wir natürlich nicht raus. Aber eine Meinung kann ja jeder dazu haben.“ Genau wie die Spender laut Stadt frei entscheiden können, ob sie dem Bettler vertrauen oder nicht.

Von André Batistic