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Celle Stadt Weißer Ring in Celle: Verbrechen hinterlassen Spuren
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Weißer Ring in Celle: Verbrechen hinterlassen Spuren
19:23 25.10.2016
Der Weiße Ring hat in Stadt und Landkreis Celle in den vergangenen beiden Jahren insgesamt 101 Straftaten bearbeitet. Darunter waren 21 Fälle von häuslicher Gewalt. Die Opfer rufen entweder bei Anne Wycisk an oder werden von der Polizei vermittelt.  Quelle: Maurizio Gambarini
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Seit 18 Jahren engagiert sich Anne Wycisk ehrenamtlich beim Weißen Ring in Celle. Jede Woche klingelt das Handy der Außenstellenleiterin ungefähr zehn Mal, und Opfer von Kriminalität fragen nach Hilfe. Der Fall einer jungen Frau, die von ihrem Lebensgefährten geschlagen und gestalkt wurde, berührte Wycisk besonders. Drei Jahre lang begleitete sie die Familie und verhalf der Mutter und den zwei Kindern zu einem Neuanfang.

Die junge Frau wurde in ihrer Beziehung zu einem Asylbewerber vergewaltigt, und daraus ist ein Kind hervorgegangenen. "Wenn sich die Betroffenen bei uns melden, suchen wir drei Mitarbeiter erst einmal das persönliche Gespräch", erklärt Wycisk. "Bei einem Hausbesuch ist es besser, wenn man zu zweit auftritt, gerade wenn es um einen Stalker oder häusliche Gewalt geht."

Da eine Klage vor Gericht nicht zugelassen wurde, kämpfte der frühere Lebensgefährte nach der Trennung um das Besuchsrecht für sein Kind. Da die Frau schlechte Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht hatte, bat sie Wycisk, sie dorthin zu begleiten. "Sie fühlte sich damals von den Behörden alleingelassen. Dadurch, dass ich dabei war, waren die Mitarbeiter auf einmal sehr freundlich", erzählt Wycisk.

Nach kurzer Zeit fiel Wycisk auf, dass die junge Mutter traumatisiert war. "Sie konnte ihr Kind nach den Besuchen des Vaters nicht mehr anfassen, weil sie den Geruch des Mannes wahrnahm." Also riet ihr die Ehrenamtliche dazu, eine Reha mit psychologischer Betreuung zu machen. Die Betroffene suchte sich eine Einrichtung, bei der sie ihre Kinder mitnehmen konnte – weit weg von Celle und nah bei ihren Schwestern in Bayern.

Plötzlich erhielt die junge Frau ein Schreiben des Jugendamtes, in dem es hieß, dass sie eine Strafe in Höhe von 5000 Euro zu zahlen habe, weil der Vater sein Kind zwei Wochen nicht sehen konnte. Auch hier stand der Weiße Ring der Mutter zur Seite und vermittelte einen Anwalt. Zudem bot sich Wycisk als Zeugin an.

Da der Mann die Frau weiterhin verfolgte, schickte Wycisk sie aus der Ferne ins nächste Frauenhaus und benachrichtigte dort den Weißen Ring. "Wir sind hier in Celle engmaschig vernetzt und sitzen am Runden Tisch gegen häusliche Gewalt. Bundesweit hat der Weiße Ring 420 Außenstellen", betont Wycisk.

Auch nach dem Neuanfang in der Ferne hält Anne Wycisk Kontakt zur jungen Mutter. "Es ist einfach ein tolles Gefühl, helfen zu können. Die Kinder schicken mir heute noch ihre Bilder." Deswegen möchte Wycisk andere ermutigen, sich beim Weißen Ring zu engagieren. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass jeder einmal im Leben Opfer von Kriminalität werden kann. "Mein Mann wurde vor 30 Jahren als Polizeibeamter schwer angeschossen." Damals wie heute half der Weiße Ring unbürokratisch weiter: Beim Umbau des Hauses und bei der Kinderbetreuung, damit Wycisk ihren Mann im Krankenhaus besuchen konnte. "Heute möchte ich dafür ein Stück zurückgeben."

Von Dagny Rößler