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Celle Stadt „Wer ohne Sünde ist...“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Wer ohne Sünde ist...“
23:02 23.02.2010
Celle Stadt

Margot Käßmann hat einen schweren Fehler gemacht, den sie „zutiefst“ bedauert. Als Bischöfin der hannoverschen Landeskirche und Chefin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hätte der beliebten Theologin dieser Fehler nicht passieren dürfen. Es ist der Mensch Margot Käßmann, der am Ende eines vermutlich schönen privaten Abends versagt hat. Als Mensch hat sie aber auch eine zweite Chance verdient. Niemand sollte jetzt vorschnell endgültig den Stab über die Bischöfin brechen. Wer ehrlich in sich hineinhört, wird feststellen, dass auch er in seinem Leben nicht immer fehlerfrei handelt. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als Erster einen Stein auf sie“, heißt es in der biblischen Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin (Johannes-Evangelium, Kapitel 8, Vers 7). Wir haben keinen Grund, als Erster nach diesem Stein zu greifen.

Richtig ist aber auch, dass Margot Käßmann der von ihr als Bischöfin und EKD-Chefin zu Recht erwarteten Vorbildfunktion nicht gerecht geworden ist. Schlimm ist der Verlust an Glaubwürdigkeit, weil die 51-Jährige genau das vermissen ließ, was sie 2007 in einem Interview mit dem TÜV Nord geißelte: „Mangelndes Verantwortungsbewusstsein“ von Autofahrern, „insbesondere wenn Alkohol oder Drogen mit im Spiel sind“.

Wenn konservative Protestanten der Bischöfin jetzt den Rücktritt nahe legen, tun sie es ausschließlich aus eigennützigen Motiven. Das ist verlogen. Denn es geht nicht um das Ansehen von Bischofsamt und EKD, sondern darum, zu vollenden, was 1999 misslang: nämlich die der Welt offen zugewandte Theologin überhaupt als Bischöfin der größten deutschen Landeskirche zu verhindern.

Auch Häme über das gefährliche Vergehen Käßmanns ist nicht angebracht. Aber es wird sie geben. Da hat Friedrich Schorlemmer Recht. Die Häme und der Verlust an Ansehen sind Folgen ihres Handelns, die Käßmann weit mehr schmerzen dürften als Geldstrafe und Führerscheinverlust.

Von Hans-Jürgen Galisch