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Celle Stadt Wie ein verbaler Tsunami
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Wie ein verbaler Tsunami
21:02 05.11.2017
Natascha Heimes faszinierte in dem Einpersonenstück „Und jetzt die Welt!“ ihr Publikum. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Nicht sie war atemlos, vielmehr die Zuschauer. Denn was in der Premiere des Stücks im Malersaal da so auf sie zustürzte, kam einem verbalen Tsunami gleich, der sich – den Atem schon beim Zuhören nehmend – über das Publikum ergoss. Das ganze Elend einer Nation, Generation, der sogenannten modernen Gesellschaft ist wahrhaft ein riesiger Brocken, den es erst mal zu schlucken und zu verdauen gilt.

Die Protagonistin, die diese ganze gewaltige Tirade so gekonnt von sich gibt, bleibt dabei als Individuum kaum fassbar. Eine Frau sitzt in einem Glaskasten und spricht – zu sich, vor sich hin. Es ist ein Appell und eine Beschwerde an die Welt, die wir – die da „draußen“– nur wahrnehmen, weil wir die Frau quasi beobachten und belauschen. Aber wer ist diese Frau? Wie alt ist sie, warum sitzt sie da in ihrem „Zuhause“, einer Wohnung, die auch ein Käfig sein könnte – ist sie dort freiwillig oder eingesperrt?

Antworten darauf lassen sich nur sehr vage aus dem eineinhalbstündigen Monolog heraushören. Die unterschiedlichen Rollen, in die das weibliche Wesen dort immer wieder schlüpft, helfen nicht weiter. Vieles bleibt vage, einiges widersprüchlich. Selbst die Zeit, in der das Stück spielen soll, bleibt rätselhaft. Von monatelangem Dauerregen ist die Rede – befinden wir uns schon in einer klimageschädigten Zukunft? Die Tatsache, dass Zumba offenbar das beliebteste Sportprogramm ist, lässt zweifeln.

Was ist nur mit diesem Wesen, das sich hinter den Glasscheiben befindet? Ist sie wirklich nur heute zu Hause, weil sie „noch Tabletten versandfertig machen muss“? Oder ist sie krank – Depression, Agoraphobie, Schizophrenie? Sitzt sie wirklich freiwillig fest in diesen vier Wänden mit volldigitalisiertem Equipment? Und hat sie von all dem, von dem sie spricht, tatsächlich irgendetwas selbst erlebt, erlitten? Vielleicht klinkt sie sich nur ein, in dieses marketingbeeinflusste, virtuelle Medien-Lebens-Angebot aus zweiter Hand, dem sie entsprechen möchte oder scheinbar muss?

Fakt ist, sie klagt, spottet, leidet, tobt, wütet über die ganze Absurdität, Ungerechtigkeit, Diskriminierung der modernen Welt: Da sind Täter und Opfer, Angst und Gewalt – was ist normal? Romantische Märchen-Mädchen-Sehnsucht trifft auf frustrierende Realität. Die Sehnsucht nach echten Gefühlen scheitert an Oberflächlichkeit. Was tun, mit dieser allumfassenden, durchaus zutreffenden Beschwerdeliste? Da bleibt auch die Protagonistin eine Antwort schuldig. Sie sitzt in ihrem Glaskäfig und lamentiert: „Ich hab es satt, dass ich keine Heldin bin, sondern nur ein Arschloch wie alle anderen. Ich wünschte, ich könnte für eine Sache brennen“.

Von Doris Hennies