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Celle Stadt Wie im Celler Wunderland
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Wie im Celler Wunderland
16:22 28.10.2016
Celle Stadt

Es ist ganz egal, wohin man sich dreht – überall findet man Unerwartetes und kleine oder große Schätze. Es gibt Geschirr in allen Formen und Farben, schmale und breite Lampenschirme, Bücher, Teppiche, Uhren, Bilder und Kommoden zu bestaunen. Joachim Hasselbachs Flohmarkt-Laden in der Schuhstraße ist eine wahre Fundgrube für Sammler und Kunden, die nach einzigartigen Besonderheiten und alten Möbeln mit einer Qualität, die heute selten ist, suchen. „Mindestens 200 Menschen kommen täglich vorbei, um zu stöbern“, sagt Hasselbach.

Umso größer war der Schock für viele Kunden, als Hasselbach ihnen schweren Herzens mitteilte, den Laden schließen zu wollen, um in Rente zu gehen. Ein weiteres Geschäft in der Schuhstraße ohne Nachfolge und das, obwohl die Menschen den das ganze Jahr über geöffneten Flohmarkt ins Herz geschlossen haben. Die unverhoffte Rettung kam in Form eines beherzten Nachbarn: Gunnar Schmitt, Inhaber des Outdoor-Bekleidung-Geschäftes direkt nebenan, hat sich bereit erklärt, den Flohmarkt-Laden zu übernehmen – und damit die charmante Fundgrube am Leben zu halten.

„Ich bin wirklich froh darüber“, sagt Hasselbach. „Es wäre schade, wenn der Laden untergeht, insbesondere bei so vielen Stammkunden und Wiederholungstätern.“ Der gutmütige Inhaber spricht herzlich über seine Kunden. „Mindestens die Hälfte kenne ich so gut, dass ich bei neuen Stücken im Laden sofort weiß, für wen sie passen würden.“ Das ist eine Tradition, die der neue Inhaber gern weiterführen möchte. „Ich mache in guter, bewährter Form weiter“, verrät Schmitt. „Mit derselben Zuverlässigkeit, aber mit einem größeren Sortiment und mehr Raum. Ein voller Laden gefällt mir besser als ein leerer und die Liebe zum geordneten Chaos kann ich auch vorweisen.“

Über die Jahre hat sich im Laden durch Nachlässe und Haushaltsauflösungen – zu den geschäftigsten Zeiten bis zu 40 im Jahr – jede Menge angesammelt. Denn bei Haushaltsauflösungen kommen nicht selten kostbare Stücke zutage. „In vielen alten Haushalten wurde sogar Geschenkpapier gefaltet und aufgehoben. Unter den Möbeln findet man durchaus auch Schränke aus Mahagoni mit einer Qualität, die es so heute nicht mehr zu kaufen gibt“, erzählt Hasselbach. „Bei solchen Auflösungen greift man in die Geschichte“, ergänzt Schmitt. „Es ist ein interessantes, aber auch bewegendes Metier.“

Schmitt hat die richtige Einstellung für den neuen Posten: „Es blutet einem doch das Herz, wenn man einen schönen Schrank sieht und ihn in den Container geben muss“, sagt Schmitt. „Dieser Laden ist eine moderne und gute Art des Recyclings.“ Bis zur Decke ist der Flohmarkt mittlerweile gefüllt und macht das Stöbern in den Reihen abenteuerlich, denn Platz ist in dem langen, aber schmalen Geschäft eng gesät und auch Hasselbach kann längst nicht mehr genau sagen, wo er welchen Gegenstand abgelegt hat.

„Es ist ein bisschen wie im Wunderland. Ich habe alles da, ich weiß nur nicht wo“, sagt der Besitzer bedauernd. Aus diesem Grund beabsichtigt Schmitt, die aktuellen Räumlichkeiten um 250 m² zu erweitern, sodass die sehr besonderen Stücke ihrer Schönheit angemessen ausgestellt werden können und mehr Übersichtlichkeit möglich wird.

Bis zur offiziellen Ladenübergabe am 1. November lernt Schmitt noch eifrig von Hasselbach, begleitet ihn auf Reisen für das Geschäft und stellt sich den Kunden vor. Mindestens bis zum Ende des Jahres steht der jetzige Inhaber seinem Nachfolger aber noch beratend zur Verfügung, denn die Artikel sind vielseitig und teilweise sehr speziell.

So hat Hasselbach beispielsweise noch alte Gasstrümpfe für Gaslaternen in seinem Sortiment, ebenso wie Porzellantassen von hoher Qualität, die sich die Geschwister Kleucker um 1850 respektvoll gegenseitig schenkten. „Hier sieht man ein bisschen, wie Leute früher miteinander umgegangen sind“, sagt Hasselbach. Aber auch Langlauf- und Schanzenskier, Taschen, Rollschuhe, alte Zylinder und jede Menge Postkarten werden im Flohmarkt angeboten.

Unter den zahlreichen Schätzen finden sich auch allerhand kuriose Gegenstände, beispielsweise ein Brief aus dem Jahr 1911 von einer gewissen Madame Steinberg an den belgischen König. Dieser muss Ohrenschmerzen gehabt haben, denn dafür empfahl ihm Steinberg einen Arzt und erhielt sogar eine Antwort des belgischen Königshauses. Man bedankte sich für die Ratschläge, es ginge dem König jedoch schon besser.

Dann sind da noch die Manuskripte von Franz Wrede für sein Plattdeutschwörterbuch – seine handgeschriebenen Notizen lassen sich bei Hasselbach bestaunen oder auch kaufen. Nicht weit von einem alten Nachttisch mit einem Porzellanfach für den Nachttopf findet sich eine Geldtasche, die Bus- und Straßenbahnfahrer sowie Stromkassierer früher mit sich trugen.

Auf einer englischen handbemalten Anrichte aus Mahagoni steht ein außergewöhnlich kurioses Stück, eine sogenannte „Kantine“. Das ist eine Wasserflasche für Reiter – aus Holz und dem Jahr 1856. Unter der Anrichte steht eine amerikanische Rechenmaschine von 1905 oder 1906, deren Tasten noch immer wunderbar klingen. „Hier wird alles gekauft“, erzählt Hasselbach. „Ich habe noch nie einen Artikel weggeschmissen.“

Über die Zeit haben sich die Verkaufshits im Geschäft verändert. „Zinn oder Goldrandgeschirr wird heute kaum noch verkauft“, sagt Hasselbach. „Dafür sind Fußballabzeichen, große Broschen oder Matrosenknöpfe zurzeit enorm gefragt. Oder auch Kernseife aus dem Jahr 1930.“ Die Kunden sind jung und alt, Jäger und Sammler und manchmal auch einfach auf der Suche nach einem besonderen Geburtstagsgeschenk – in jedem Fall bleibt der Flohmarkt-Laden für sie erhalten.

Von Marlene Schlüter