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Celle Stadt „Wie sind die Neuen“ ist ein vergnüglicher Theaterabend in Celles Halle 19
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Wie sind die Neuen“ ist ein vergnüglicher Theaterabend in Celles Halle 19
16:47 24.03.2017
Einen vergnüglichen Theaterabend bieten (von links) Jürgen Kaczmarek als „Johannes“, Johanna von Gutzeit als „Barbara“, Christoph Schulenberger als „Thorsten“, Kathrin Steinke Quintana als „Anne“, Josephine Raschke als „Katharina“ und Johann Schibli als „Eddi“. Quelle: Alex Sorokin
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Mit Dirk Diekmann hat Intendant Andreas Döring einen Regisseur nach Celle geholt, der ein Gespür für szenisches Timing hat, der weiß, dass man in diesem Genre immer den Grat suchen muss, auf dem es zu balancieren gilt, nämlich dem Grat zwischen Realitätsabbildung und grenzenloser Übertreibung, zwischen Mut zur Banalität und Sinn für Zwischentöne, zwischen Humor und Klamauk, zwischen komischer Oberfläche und tieferem Sinn. In dieser Aufführung gelingt das in einem Maße, dass man staunt. Zunächst allerdings darüber, wie platt die Vorlage zu sein scheint. Da werden sechs Klischeefiguren aufeinandergehetzt.

Drei nach ihrer eigenen Einschätzung noch junge, aber von Altersarmut bedrohte Sechzigjährige, die in der für tatsächlich alte Menschen typischen Art ganz in ihrer Vergangenheit leben, treffen auf drei vorzeitig gealterte Studenten, die nichts anderes als ihre Karriere, ihre Selbstverwirklichung als Bald-Reiche oder die Erfüllung der spießigen Ideale ihrer Eltern im Sinn haben. Sie lernen und lernen und lernen, während die Alten sich zunehmend lächerlich machen ob der Zurschaustellung ihres gespielten oder wirklichen Glücklichseins. Am Anfang des Stückes denkt man noch, dass diese Klischees, so wahr sie im Kern auch sein mögen, doch kaum einen Theaterabend tragen können. Zunächst wird auch so eindimensional gespielt, dass sich die Erwartungen an den weiteren Verlauf des Abends reduzieren. Doch dann legen die sechs Schauspieler richtig los und von Minute zu Minute wird die Aufführung differenzierter und wahrhaftiger, ohne dass dabei der Humor auf der Strecke bleiben würde.

Natürlich gelingt dieses sich zunehmend entwickelnde feingliedrige und pointenfreudige Komödienspiel nicht allen in gleichem Maße, aber im Laufe des Abends entsteht ein so gutes Ensemblespiel, dass einzelne Schwächen kaum mehr zum Tragen kommen. Einmal mehr erweist sich die junge Josephine Raschke als großes Talent, das nicht nur Wandlungsfähigkeit, sondern auch Glaubwürdigkeit bietet. Wunderbar, wie sie als zunächst geradezu militante Möchtegernkarrieristin im zweiten Teil immer zugänglicher wird, weil sie merkt, dass sie überfordert ist vom Studium. Auch die drei Alten Katrin Steinke Quintana, Johann Schibli und Jürgen Kaczmarek lassen zunehmend Zwischentöne hören, die ihre Figuren sympathisch und vielschichtig machen. Dann kommen ihre Figuren tatsächlich in der Gegenwart an, und das bringt sie damit auch näher an die Jungen heran, die ursprünglich lieber die Gegenwart ignorierten und an die Zukunft dachten. Ihre Haltung schlägt zurück auf sie selbst: Gesundheitliche oder private Probleme blockieren sie. Christoph Schulenberger und Johanna von Gutzeit bringen das leider eher blass oder grob herüber. Insgesamt aber gelingt allen sechs Schauspielern ein rundum vergnüglicher Theaterabend mit leichtem Tiefgang.

Von Reinald Hanke