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Celle Stadt Wirtschaften für das Gemeinwohl
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Wirtschaften für das Gemeinwohl
11:41 18.03.2017
Von Gunther Meinrenken
Der Celler Thomas Otremba setzt sich für eine andere Wirtschaftsphilosophie ein, die von Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit geprägt sein soll. Am Mittwoch, 29. März, erwartet Otremba prominenten Besuch. Der Österreicher Christian Felber, Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie, kommt in die Kreuzkirche. Quelle: Michael Schäfer
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Herr Otremba, was versteht man unter Gemeinwohl-Ökonomie?

Damit meinen wir eine Form des Wirtschaftens, die auf das Wohl aller ausgerichtet ist. Das jetzige System zielt auf Profitstreben und persönliche Bereicherung. Das nutzt nur sehr wenigen, die meisten Menschen sind Verlierer des Systems. Unser Ziel ist es, die Gemeinwohl-Ökonomie in die Unternehmen zu tragen.

Unser Wirtschaftssystem beruht auf Gewinnen und Wettbewerb. Wenn Firmen der Gemeinwohl-Ökonomie folgen, müssen sie dennoch konkurrenzfähig bleiben, sonst bleibt es bei einer schönen Utopie.

Wir bewegen uns fest im Rahmen des Grundgesetzes. Geld und Eigentumsverhältnisse wollen wir gar nicht antasten. Aber wer sagt denn, dass Unternehmen, die der Gemeinwohl-Ökonomie verpflichtet sind, nicht konkurrenzfähig sein können. Ein gutes Beispiel ist der Outdoor-Ausrüster Vaude, der seine Unternehmensphilosophie an der Gemeinwohl-Wirtschaft ausrichtet. Während die Branche stagniert, floriert das Geschäft bei Vaude.

Was macht denn Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis aus?

Wir wollen weg vom Profitstreben auf Basis von Konkurrenz, hin zu einem Anreizsystem auf Basis von Kooperation. Das menschliche Gedeihen beruht auf Beziehungen. Das müssen wir fördern, dann geht es den Menschen auch gut. In 25 Ländern gibt es bereits 2000 Unternehmen, die sich der Gemeinwohl-Ökonomie angeschlossen haben.

Wie wollen Sie das messen?

Für die Unternehmen wird eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Speziell ausgebildete Auditoren bewerten die Faktoren Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie Mitbestimmung und Transparenz. Im Idealfall kann man 1000 Punkte erhalten. Das Ergebnis kann dann jeder einsehen. Bewertet werden etwa der Abbau von Überstunden oder der Beitrag zum Gemeinwesen. Die Sparda-Bank München praktiziert die Gemeinwohl-Ökonomie schon sehr erfolgreich.

Ihnen kommt es darauf an, ethisches Handeln zu belohnen?

Genau. Betriebe, die sich an der Gemeinwohl-Ökonomie orientieren, schonen auch die Ressourcen. Daher sollten sie auch weniger Steuern zahlen oder bei Ausschreibungen bevorzugt werden. Wir haben an die hiesigen Parteien den Antrag gestellt, Celle zur Gemeinwohl-Region auszurufen, ähnlich wie die Modellregion Salzburg, um entsprechend den kommunalen Gesetzesrahmen zu ändern. Die Reaktionen waren allerdings bisher sehr verhalten. Von der Veranstaltung mit Christian Felber, der gerade erst eine Vortragsreise durch die USA unternommen hat, versprechen wir uns einen großen Schub für die Entwicklung einer Gemeinwohl-Region vor Ort.