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Celle Stadt „Zählt die Menschlichkeit bei uns gar nichts mehr?“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Zählt die Menschlichkeit bei uns gar nichts mehr?“
18:40 24.08.2010
Von Oliver Gatz
Vertraute Umgebung: Nach einem juristischen Streit darf eine Siebenjährige, die vier Monate zu früh zur Welt kam, endlich auf die Hehlentorschule gehen. Ein Wechsel des Wohnsitzes machte es möglich. Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Die siebenjährige Julia (Name von der Redaktion geändert) hat es nicht leicht im Leben. Vier Monate kam das Mädchen zu früh zur Welt, wog bei der Geburt gerade einmal 490 Gramm. „Sie ist klein, zierlich und kränklich“, sagt die Großmutter Frieda Heider. „In einer fremden Umgebung zieht sie sich zurück, ist ganz schüchtern.“

Um ihr den Schuleinstieg zu erleichtern, sollte Julia nach dem Willen der Familie zur Hehlentorschule gehen. Der Grund: Dort gibt es für das Mädchen vertraute Gesichter, die es aus dem Kindergarten kennt. Doch die Schulbehörde beharrte darauf, dass Julia aufgrund ihres Wohnsitzes zur Altstädter Schule gehen sollte.

Julias Eltern leben in der Hannoverschen Heerstraße. Der Vater ist Busfahrer, die Mutter arbeitet im Schichtdienst als Krankenschwester. Schon als Julia in den AWO-Kindergarten am Altenhäger Kirchweg ging, sprangen Verwandte, die im Gartenweg wohnen, ein, wenn die Eltern das Mädchen nicht abholen konnten.

Doch die Bürokratie nahm ihren Lauf. Mit Verweis auf den Schulbezirk sollte das Mädchen an der Altstädter Schule eingeschult werden. Es begann ein juristischer Streit mit der Landesschulbehörde in Lüneburg um Länge von Schulwegen, Bezirksgrenzen und Betreuungssituationen. Die Behörde sah keine „tragfähigen Ausnahmegründe“, die gegen einen Besuch der Altstädter Schule sprächen. Es sei Angelegenheit der Eltern, die notwendigen Wege einzuüben, hieß es in einer Stellungnahme der Landesschulbehörde.

Laut niedersächsischem Schulgesetz kann im Ausnahmefall der Besuch einer anderen Schule zugelassen werden, wenn dies aus pädagogischen Gründen geboten scheint oder der Besuch der zuständigen Schule für die Schülerin oder die Familie eine unzumutbare Härte darstellen würde. „Die Betreuung durch Verwandte in der Gartenstraße ist unter zumutbaren Umständen beim Besuch der Altstädter Schule möglich“, so die Landesschulbehörde. „Es ist der Lauf der Welt, dass sich nach der Kindergartenzeit die Wege trennen. Dieser Umstand stellt kein Problem dar, da Kinder nahezu ausnahmslos den Schulbeginn als Neuanfang wahrnehmen, neue Freundschaften schließen und die Kindergartenfreundinnen oft schnell vergessen.“

Ärzte und Erzieherinnen kommen zu einer anderen Einschätzung. „Aus medizinischen Gründen empfehlen wird dringend eine Einschulung in der Hehlentorschule“, lautet das Urteil von Julias Kinderärztin. „Sie ist körperlich geschwächt, kontaktscheu, unsicher, ängstlich und hat soziale Anpassungsprobleme.“ Es wäre für das Kind sehr wichtig, die persönlichen Kontakte zu erhalten. In einer Stellungnahme des AWO-Kindergartens heißt es: „Der Schulwegsituation von der Altstädter Schule zum Gartenweg ist das Mädchen nicht gewachsen. Sie ist ein Kind mit einer besonderen labilen Sensibilität, das Führung in der Außenwelt benötigt.“

Letztlich entschied das Oberverwaltungsgericht Lüneburg im Sinne der Landesschulbehörde. Doch inzwischen ist Julia mit ihrem Wohnsitz offiziell am Gartenweg gemeldet – und geht, wie es die Eltern von Anfang an wünschten, zur Hehlentorschule. „Sie ist jetzt glücklich“, ist Frieda Heider erleichtert. Dass aber die Behörden in Julias Fall keine Ausnahme machten, macht sie wütend: „Zählt die Menschlichkeit bei uns gar nichts mehr?“, fragt die Großmutter. „Das Mädchen pendelt jetzt hin und her. Wir sind gezwungen, die Familie zu zerreißen.“

Der Sprecher der Landesschulbehörde, Christian Zachlod, sagt zu dem Fall: „Das Oberverwaltungsgericht hat unsere Einschätzung bestätigt.“ Die Länge des Schulweges zur Altstädter Schule stelle keine unzumutbare Härte dar. „Es ist hart – aber nicht unzumutbar hart“, argumentiert Zachlod. Julias neuen Wohnsitz werde die Behörde „voll und ganz“ akzeptieren.