Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Zeichnungen von John Elsas in der Celler Synagoge zu sehen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Zeichnungen von John Elsas in der Celler Synagoge zu sehen
16:00 13.01.2017
Celle Stadt

Mit den Frauen hatte der Börsenmakler und Künstler anscheinend keine guten Erfahrungen gemacht, aber unter dem Strich war er ein großer Menschenfreund, hatte er doch selbst die Klaviatur des Lebens zu spüren bekommen. Mit 75 startete er nochmal neu, sein Vermögen hatte er eingebüßt. Der Blick für die Menschen und was sie umtrieb, war ihm eigen, und so bannte er die großen Themen dieser Welt – von Sehnsucht bis Angst vor Verlust – in kleinen feinen Strichen und Formen auf Papier.

Elsas zeichnete, tuschte und fügte Schnipsel zu Collagen, verlieh den Figuren mit vermeintlich einfachen Mitteln Ausdruck. Frontal, breitbeinig, offensiv und selbstbewusst schaut der Mann mit dem dicken Geldschein als Rumpf den Betrachter an. „Ich war einmal sehr reich gewesen, du kannst es beglaubigt oben lesen“, hat er das biographische Blatt untertitelt, um gleich daneben den Folgezustand des Jahres 1929 darzustellen: „Ach, wie tut die Bank mir weh, hätt‘ ich nur Kamillen-Thee“, hat das dünne Männchen im Profil seinen Humor offensichtlich noch nicht verloren.

Diesen zu bewahren, war für den 1935 verstorbenen Frankfurter unerlässlich. „Aus vielen Werken ist eine leidvolle Lebenssicht herauszulesen“, sagt Kuratorin Dorothee Hoppe am Donnerstagabend in ihrer Eröffnungsrede. Zunächst zeichnete Elsas nur für seine beiden Enkel, daraus erwuchs eine Leidenschaft, die ihn zehn Jahre lang bis zu seinem Tod unermüdlich arbeiten ließ. Immer in der Hoffnung, Ruhm zu erlangen, der ihm jedoch zu Lebzeiten versagt blieb.

Oft ist die Ursprungsidee, für Kinder zu zeichnen, noch erkennbar. Es ist eine vermeintliche Naivität – aus dem Kindgerechten entwickelte sich große Kunst. Kleine Sternchen klebte er in den Himmel über seinem Sehnsuchtsland Palästina, für das er längst zu alt geworden war. John Elsas möge dem Titel der Ausstellung entsprechend „Aus den silbernen Wolken“ hinunterschauen auf seinen stetig wachsenden posthumen Ruhm, wünscht sich der Betrachter dieser außergewöhnlichen, avantgardistischen Kunst.

Von Anke Schlicht