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Celle Stadt Zum Wirrwarr im Kopf kommt die Schwerhörigkeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Zum Wirrwarr im Kopf kommt die Schwerhörigkeit
21:40 20.12.2011
Celle Stadt

Hanna Fritsch (alle Namen geändert) lebt in einer Einrichtung des „betreuen Wohnens“, meistert ihren Alltag jedoch im allgemeinen ganz allein. Das heißt – ganz allein ist sie eigentlich nie – denn die 53-Jährige leidet unter einer speziellen Form von psychischer Störung und teilt ihren Körper mit mehreren Persönlichkeiten in ihrem Kopf.

Nur mit großer Konzentration und langjähriger Übung schafft es Hanna Fritsch, alle Facetten ihrer Wesen in sich zu kontrollieren und zu beherrschen. Sie ist nicht psychotisch, ihr sind die bestehenden Persönlichkeiten in ihr grundsätzlich bewusst – „aber meistens will jeder Teil in mir etwas anderes. Das ist sehr anstrengend und ermüdend“, sagt sie.

Die psychische Störung ist nicht angeboren, sondern ein Resultat der massiven Gewalterfahrung, die sie bereits in ihren ersten zwei Lebensjahren ertragen musste. Auch das Problem mit ihren Ohren ist auf die grausame Behandlung als Kind zurückzuführen. Aufgrund unzähliger Schläge auf den Kopf und ins Gesicht wurde beiderseits das Trommelfell verletzt, langjährige chronische Erkrankungen führten zu einer starken Beeinträchtigung der Hörfähigkeit. Nur mit besonderen, exakt angepassten Hörgeräten wäre Hanna in der Lage halbwegs zufriedenstellend zu hören.

Zu dem Wirrwarr im Kopf kommt jeden Tag die Verunsicherung durch die Schwerhörigkeit. Früher fand Hanna Fritsch Ruhe und Gelassenheit bei ausgedehnten Spaziergängen im Park. Die Betrachtung des Treibens der Vögel, spielender Hunde oder suchender Eichhörnchen brachten die Stimmen in ihr in Einklang und zum Schweigen. „Ich mag Tiere lieber als Menschen“, sagt sie, „die sind treu und verraten einen nicht.“

Seit Hanna Fritsch vor einigen Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten hat, versagen auch ihre Beine ihren Dienst. Nur mühsam und in kleinen Einheiten kann sie sich auf eigenen Beinen fortbewegen. Meist ist sie nun in ihrem Zimmer gefangen und auf die Ablenkung durch Radio oder Fernsehen angewiesen – wenn nur die Ohren mitmachten. Die 53jährige lebt von ergänzender Grundsicherung und einer kleinen Rente. Die Krankenkasse übernimmt nur einen Teil der Kosten für die dringend notwendigen Hörgeräte. Den hohem Eigenanteil kann Hanna Fritsch selbst nicht aufbringen. Und so ist sie weiterhin darauf angewiesen, sich die Bilder ihrer geliebten Tiersendungen anzuschauen und sich den Kommentar zusammenzureimen.

Von Doris Hennies