Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Zwischen Gänsehaut und Lebensfreude
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Zwischen Gänsehaut und Lebensfreude
13:25 27.11.2013
Nathascha Hirthe, Tobias Sosinka, Nina Damaschke, Karsten Zinser, Thomas Henniger von Wallersbrunn, Manuel Dragan (von links) und Peter Killian Schmeink (auf dem Teppich) lesen Märchen für Erwachsene. Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Unter der Leitung von Chefdramaturg Tobias Sosinka hatten sich die Darsteller des aktuellen Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ quasi in das sexuelle Unterholz scheinbar harmloser Märchenwälder begeben.

Auf dem Programm standen mit „Rotkäppchen“, „Dornröschen“ und „Schneewittchen“ – Märchen, die von den Gebrüdern Grimm seinerzeit fortwährend enterotisiert worden sind, um sie kindgerechter zu machen. Ursprünglich – so erläuterte Sosinka – waren die Erzählungen von Prinzessinnen, Traumprinzen und bösen Hexen nämlich gar nicht für die Kleinen gedacht. Märchen galten als oft gruselige und obszöne Unterhaltungsgeschichten, die sich Erwachsene abends, wenn die Kinder im Bett waren, bei geselligen Runden vor dem Kamin erzählten.

Bei der nun amüsant arrangierten Trash-Lesung rief nicht nur die symbolhaft-metaphorische Sprache unterschiedlichste Assoziationen im Publikum wach, wenn etwa Dornröschen beim Anblick der Spindel fragt, was das „für ein Ding“ sei, „das da so lustig herausspringt“. Auch die mal aufreizend stöhnenden, mal wollüstig lechzenden und gestenreich untermalenden Darsteller enttarnten geradezu lustvoll die „verborgene“ Erotik. Ob der Wolf das Rotkäppchen nun „zum Fressen gern“ hatte oder das Schneewittchen die Betten der Zwerge „eins zu lang, eins zu kurz“ fand, oder ob Dornröschen durch einen Prinzen wachgeküsst wurde, dem sich der Weg zu ihr zweideutig öffnete: „Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen.“ Und doch: Bei all der köstlich inszenierten lasziven Koketterie fand die Erotik doch eigentlich in den Köpfen der begeisterten Zuschauer statt. Toll gemacht.

Von Rolf-Dieter Diehl