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Celle Stadt Zwischen Indie-Folk und Delta-Blues
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Zwischen Indie-Folk und Delta-Blues
17:32 04.04.2013
Celle Stadt

Die ungezwungene Atmosphäre von Privatheit, die Vielfalt der Stilrichtungen und das unverwechselbare Ambiente des Celler Kulturbistros „Kunst & Bühne“ haben die bisherigen Konzertabende der Veranstaltungsreihe „Songs & Whispers“ zu regelrechten Kult-Veranstaltungen gemacht. Und vor allem die individuelle Klasse der bisher bereits dort aufgetretenen Musiker.

Doch dieses Mal scheint die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ in Celle nicht funktioniert zu haben. Nur zwanzig Zuhörer fanden den Weg in den Nordwall, wo sich mit der englischen Band „The Hobos“ und der kalifornischen Liedermacherin Aireene Espiritu einmal mehr Folk-Interpreten vorstellten, die beeindruckten und begeisterten. Sie boten – einzeln, aber auch im gemeinsamen Vortrag – einen so himmelstürmenden, herzerwärmenden, sehnsuchtsvollen Neo-Indie-Folk-Pop, dass nicht nur Melancholikern mit Sturm-und-Drang-Affinität die Brust ganz weit wurde. Insbesondere Espiritus Stimme vermochte selbst bei pragmatischen Menschen Gänsehaut hervorzurufen. Allein ihre emotionsgetränkte Interpretation des 50er-Jahre-Hits „Tennessee Waltz“ verursachte so manches Tränchen der Rührung im Publikum.

Der Sound der vier Künstler erwies sich als das genaue Gegenteil geklonter Musikkonserven aus dem Tonlabor und lebte von der direkten Kommunikation mit dem Publikum. Die frische, sympathische Art der Anmoderationen und die lockeren Dialoge mit den Zuhörern ließ zu keinem Zeitpunkt Distanz entstehen. Dazu passten auch die Songs der im ersten Teil auftretenden „The Hobos“. Sängerin und Gitarristin Bice Holden, Tiago Dias (Bass) und Nick Hooper (Banjo, Cajon) machten ihrem Bandnamen („Die Landstreicher“) alle Ehre. Mal mit vorwärts treibenden Rhythmen („First Train“), mal melancholisch („Nightmare“) besangen sie ihre Sehnsucht nach der weiten offenen Straße, auf der sie sich musikalisch in einer derart mitreißenden Weise bewegten, dass man sich bisweilen an die junge Kelly-Family erinnert fühlte.

Espiritus Musik wiederum, von ihr selbst auf der Ukulele begleitet, pendelte in Delta-Blues-Manier zwischen den dunklen Rändern der Seele und hoffnungsvoller Tagträumerei. Die gebürtige Philippinin war geradezu versunken in ihre Lieder und erwies sich bei herzergreifenden Titeln wie „Lullaby of war“, „No time for the good life“ und „Wide open“ als charismatische Interpretin weitab von klischeehaftem Herz-Schmerz-Gesäusel. „Wie eine kleine philippinische Edith Piaf“, entfuhr es einer sichtlich gerührten Zuhörerin.

Von Rolf-Dieter Diehl