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Celle Stadt Zwischen Naturschilderung und Seelenzustand
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Zwischen Naturschilderung und Seelenzustand
13:48 24.10.2017
Der aus Celle stammende Bariton Dietmar Sander sang am Sonntag begleitet von Juliane Busse am Flügel Schubertiaden im Beckmannsaal. Quelle: Michael Schäfer
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Wieder lieferte Sander intelligente, einfühlsame Interpretationen, in der die Gefühle nicht ausuferten, sondern die jeweilige musikalische Deutung im Mittelpunkt stand, um die vorangegangenen Informationen über den Komponisten und sein Werk zu vertiefen. Die Verknüpfung von menschlichem Leid und Naturdämonie etwa, ein beliebtes Thema der Romantik.

Von der himmelstürmenden Liebe zur schönen Müllerin über die verschmähte Liebe bis hin zur Todessehnsucht begleitete Sanders Gesang den jungen Müllersburschen auf seiner Wanderschaft den Bach entlang bis zur Mühle. Und Busse sorgte für die lautmalerische Begleitung, indem sie zum Beispiel das Murmeln und Plätschern des Baches mit perlenden Sechzehntelfiguren verdeutlichte.

Sanders Baritonstimme – männlich-dunkel gefärbt, ohne Leichtigkeit in der Höhe vermissen zu lassen – ermöglicht bei voller Offenheit den kernigen Zugriff auf eine untere Mittellage und Tiefe. Das kam ihm auch beim „Schwanengesang“ zu Gute. Sei es beim erdbebenartigen „Atlas“, oder beim Ausbruch des „Doppelgängers“.

Auch wenn der „Schwanengesang“ (die traditionelle Bezeichnung für das letzte Werk eines Komponisten) nicht im Sinne der „Winterreise“ oder der „schönen Müllerin“ eine in sich textlich wie musikalisch inhaltlich geschlossene Folge von Liedern ist, so wollte Schubert dennoch diese Liederreihung als zusammengehöriges Ganzes verstanden wissen, erläuterte Sander. Manchmal noch deutlicher als in den vorangegangenen Zyklen habe Schubert die Expressivität dabei unüberhörbar vertieft. In den Heine-Liedern sei er gar in musikalisches Neuland vorgestoßen und sei weit über die Konventionen des romantischen Stimmungsliedes hinausgegangen. So sei das Klavier noch mehr zum autonomen, von der Gesangstimme unabhängigen Ausdrucksträger geworden, und der Gesang habe deklamatorische und rezitativische Züge angenommen. Andererseits sei Schubert aber vor allem durch die Rellstab-Gedichte angeregt worden, noch einmal ein Höchstmaß an schmelzender Zärtlichkeit auf das Papier zu bringen. Sander gelang es mit seiner wandlungsfähigen Stimme, die Naturschilderung und den Seelenzustand verschmelzen zu lassen.

Von Rolf-Dieter Diehl