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Celle Stadt „...und führen, wohin du nicht willst“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „...und führen, wohin du nicht willst“
12:57 05.02.2010
Celle Stadt

„Danke, soweit ... na ja, wie es eben sein kann ...“. Das ließ mich nun doch vom Rad steigen. Ein kurzes Gespräch entspann sich, und der eine Satz darin lässt mich seither nicht mehr los: „Ich nehme jetzt Tabletten gegen Demenz.“ Ganz sachlich hat er das gesagt. So, wie andere ihre Herztabletten erwähnen. Gewiss, im Altwerden kommt eben eins zum anderen, nur wenige kommen drum herum. Aber dies ist doch noch etwas anderes.

Wie oft versichern wir uns: „Toi, toi, toi, aber hier oben stimmt alles – Hauptsache, der Kopf macht‘s noch mit!“ Ja, so denkt wohl jeder. Aber Garantien gibt es keine dafür. Und was, wenn nicht?

Wir ahnen, was Menschen durchmachen, die die Diagnose „Demenz“ erhalten haben: Was wird aus meiner Würde? Und: Werden die Beziehungen tragen, wenn sich das Verhältnis zueinander ändern wird – zum Ehepartner, zu den Kindern, zu Freunden? Wir sind so verletzlich, ob einstmals amerikanischer Präsident oder einfacher Mensch.

Ein Buchtitel, der eigentlich ein Bibelzitat ist, bringt es auf den Punkt: „... führen, wohin du nicht willst.“ Es ist der Bericht davon, als 35-Jähriger in russische Kriegsgefangenschaft geraten zu sein. Wen anders hat eine Krankheit zum Frührentner gemacht. Oder eben die Diagnose Demenz: „... führen, wohin du nicht willst.“ Auch das ist Realität unsres Lebens.

Vielleicht sind das die Situationen, in denen ein Wort wie der Zuspruch Jesu in der Jahreslosung 2010 schwer wiegt: „Euer Herz erschrecke nicht ...“ – o ja, die Angst, wie alles mal wird, kennen wir! O ja, bei irgendeiner Vorstellung erstarrt sind wir auch schon, bis wir sie dann erst einmal wieder verdrängt hatten: „Ich doch nicht!“ „Euer Herz erschrecke nicht“, muss man dann vielleicht in seinem Glauben ganz neu wieder hören, „glaubt an Gott – sprich: glaubt an mich!“. Man müsste dann mehr zu spüren bekommen als nur das bisschen Allerweltsgedanken über den lieben Gott; man müsste dann darin wieder hören können, wie der, der dem sinkenden Petrus die Hand hingehalten hat, sie einem jetzt selber hinhält. Wie der, der das in Todesschlaf gefallene Töchterlein des römischen Hauptmanns Jairus mit seinem „Ich sage dir, steh auf“ erreicht hat, jetzt auch mich und meine verwirrte Seele erreicht.

Wer nicht betroffen ist, hat gut reden. An der Trauer in so einer Situation wird kein Mensch vorbei kommen. Aber in Jesu „euer Herz erschrecke nicht“ klingt ja mit: Gib der Trauer, wenn sie anklopft, einen Platz im Haus deines Lebens. Aussperren lässt sie sich sowieso nicht, sie fordert ihr Hausrecht und gehört jetzt wie ein Mitbewohner dazu – nicht für ewig, aber jetzt erst einmal. Sie lehrt loszulassen, was keinem von uns fest gehört. Aber zusammen mit Jesu „euer Herz erschrecke nicht“ lässt sie auch groß werden, was unser Kopf in seinen besten Zeiten unterschätzt: Dass es die Antwort auf die Frage, wer wir eigentlich sind, nur als Geschenk gibt. Als Geschenk dessen, der auch da führt, wo wir nie hinwollten. Und dieses Geschenk bringt Demenz nicht in Gefahr. Die Liebe ist stärker.

Von Michael Wohlgemuth