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Blaulicht 900 Euro Geldstrafe für angeklagten Celler
Celle Blaulicht 900 Euro Geldstrafe für angeklagten Celler
19:08 12.12.2016
Celle Stadt

Die Strafkammer am Landgericht Lüneburg verhinderte im letzten Moment einen Justizirrtum und verurteilte den Angeklagten aus Celle wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 900 Euro. Der Weg zum Urteil glich einer Sisyphusarbeit. Durch engagiertes Nachfragen der Verfahrensbeteiligten traten erhebliche Schwachstellen in den Gutachten zu Tage.

Die Staatsanwaltschaft warf einem 52-Jährigen vor, sich zwischen Januar und Mai vorigen Jahres an einem 14-jährigen Verwandten vergangen zu haben. Die Sache begann im Sommer 2015 mit einer Anzeige bei der Polizei. Der Schüler berichtete seiner Mutter beiläufig bei der Gartenarbeit vom Übergriff. Der Junge sei Anfang 2015 bei seinem Opa zu Besuch gewesen, habe dort wie so oft im Wohnzimmer übernachtet. Laut Protokoll betrat der Angeklagte mitten in der Nacht das Zimmer und berührte den Heranwachsenden unsittlich. Das Geschehen habe mehrere Minuten gedauert. Es sei dem 14-Jährige gelungen, den Peiniger zurückzustoßen. Später habe der Angeklagte erneut das Zimmer betreten, um die sexuellen Handlungen fortzusetzen.

Der 52-jährige Handwerker wies vor der Strafkammer den Missbrauchsvorwurf zurück und räumte dagegen ein, am Muttertag 2015 seinen 20-Jährigen Neffen im Badezimmer attackiert zu haben. Der Angeklagte berührte den jungen Mann, der gerade unter der Dusche stand im Unterleib und drückte ihn gegen die Wand.

Die Aussagen der Jugendlichen wirkten über weite Strecken diffus. Das Gericht beauftragte eine Psychologin, um die Glaubwürdigkeit des 14-Jährigen zu untersuchen. Diese kam zu dem Ergebnis: „Die Angaben entsprechen erlebnisfundierten Charakteristika.“ Dem konnte Richterin Philipp nicht folgen. So konnte der Geschädigte gegenüber der Sachverständigen trotz der für ihn abrupt beendeten Tiefschlafphase die genaue Zeit der Übergriffe trotz unbeleuchtetem Zifferblatt der Uhr nennen. In der ersten Befragung strahlte die Zimmerlampe, bei der zweiten Aussage spendete der Mond das Licht und vor Gericht sorgte die Straßenlaterne für genügend Helligkeit im Raum.

„Wir sehen das ganz anders als die Gutachterin. Das ist kein Detailreichtum“, kritisierte die Richterin.

Verteidiger Kurt-Peter Bulang, der für seinen Mandanten einen Freispruch forderte, listete reihenweise Widersprüche auf, so sei das Kerngeschehen in der Akte nur unzureichend festgehalten, viele Hypothesen fanden bei den Strafverfolgern kein Interesse. Nicht ausgeschlossen, dass der Jugendliche durch die Wirren des Internets an pornografisches Material herankam und auf diese Weise eine Falschbelastung projizierte. „Wir werden vieles einfach nicht erfahren“, sagte der Anwalt.

Der Angeklagte akzeptierte den Schuldspruch, die Staatsanwaltschaft, die wegen sexuellen Missbrauchs eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten forderte, überlegt noch, Rechtsmittel einzulegen.

Von Benjamin Reimers