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Blaulicht Celler Geiselnehmer stehen vor Gericht
Celle Blaulicht Celler Geiselnehmer stehen vor Gericht
08:41 16.03.2017
Wegen gefährlicher Körperverletzung und Geiselnahme stehen zwei Celler im Alter von 17 und 21 Jahren vor dem Lüneburger Landgericht. Quelle: dpa
Celle Stadt

Was soll geschehen sein? Es ist der 18. Oktober 2016 – ein 18-Jähriger ist zu Besuch bei seinem ehemaligen Klassenkameraden. Plötzlich sieht sich der Schüler tätlichen Angriffen ausgesetzt, die ihn unvorbereitet treffen. Schläge und Tritte gegen Kopf und Oberkörper machen ihn innerhalb von Sekunden kampfunfähig. Ein Bekannter habe aus einem Drogendeal 2500 Euro gefordert, heißt es in der Anklageschrift als Motiv. Der Angreifer habe zudem mit einer Pistole herumgefuchtelt und dem Kontrahenten den Lauf in den Mund geschoben. Die Odyssee aus Misshandlungen und Todesdrohungen zieht sich demnach über insgesamt vier Stunden hin.

„Das ist nicht sehr nett“, resümierte die Vorsitzende Richterin Sabine Philipp, um anschließend den Worten des 21-Jährigen zu lauschen. Im Sommer vergangenen Jahres verbreitete sich demnach in der Celler Drogenszene das Gerücht von einer Erbschaft, die der 18-Jährige auf seinem Konto erwartete. Dieser hatte Marihuana im Gegenwert von mehreren tausend Euro beim 21-jährigen Angeklagten bestellt. Der wiederum habe „das auf Pump gekauft“, sagte der mutmaßliche Täter. Weil die Männer, von denen er die Drogen besorgt habe, auf ihn Druck ausgeübt hätten, habe er sich für eine brutale Attacke auf seinen „Kunden“ entschieden.

Anschließend ergriff der 17-jährige Mittäter – der Mieter der Wohnung, in der sich alles abspielte – vor Gericht das Wort. "Es muss am frühen Nachmittag gewesen sein", sagte er, als sein Komplize seinen Besuch übers Telefon angekündigt und ihn aufgefordert habe, den nur ein Jahr Älteren in seiner Wohnung einzuschließen. Diesen "Befehl" setzte der Jugendliche ohne zu überlegen um und verbarrikadierte die Türen. Damit war der Tatbestand der Geiselnahme erfüllt. Die Schubserei, die Schläge und Tritte seien ihm nicht verborgen geblieben, räumte der Jugendliche ein. Einzuschreiten und Rettungskräfte zu informieren, sei ihm aber unmöglich gewesen. „Ich habe mir solche Gedanken gar nicht gemacht, hatte Angst um mich selbst, schließlich war ja eine Waffe im Spiel“, hieß es in dem über weite Strecken erschreckenden Statement.

Als das Opfer auf dem Zeugenstuhl Platz nahm, interessierte sich das Gericht besonders für das Täterverhalten. Die Stimmung sei damals innerhalb von Sekunden eskaliert, als der Bekannte das Zimmer betrat, so der 18-Jährige. „Zuerst war es sehr aggressiv, dann ruhig, bevor es wieder laut wurde. Das war alles sehr wechselhaft“, gab der Schüler aus dem Landkreis Celle zu Protokoll und bestätigte auf Nachfrage der Richterin, in Drogengeschäfte eingebunden zu sein. Durch einen Nebensatz erfuhr das Gericht von zwei Bekannten der Beschuldigten, die während der Geiselnahme in die Wohnung kamen und sich schnell wieder aus dem Staub machten. „Haben die von den Aktionen gegen Sie etwas mitbekommen?“, fragte ein Verteidiger. Der Zeuge bejahte. Damit rücken nun zwei weitere Personen in den Mittelpunkt eines bizarren Kriminalfalls.

Am Ende des ersten Prozesstages kündigte die Kammer an, einen der Angeklagten von einem Psychiater untersuchen zu lassen, um seine Schuldfähigkeit zu prüfen. Der Prozess wird am 29. März fortgesetzt.

Von Benjamin Reimers