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Blaulicht Celler soll Zwölfjährige missbraucht haben
Celle Blaulicht Celler soll Zwölfjährige missbraucht haben
17:45 20.09.2017
Quelle: dpa (Symbolfoto)
Celle Stadt

LÜNEBURG. Den Stoff, den die vierte Große Strafkammer des Landgerichts Lüneburg in den nächsten Wochen juristisch aufzuarbeiten hat, bildet eines der schwersten Delikte des Strafgesetzbuches ab: schwerer sexueller Missbrauch eines zwölfjährigen Mädchens. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft erhebt diesen Vorwurf gegen einen 57-jährigen Celler. Der Großteil der Taten zwischen Januar 2015 und Januar 2017 ereignete sich in der Wohnung des Beschuldigten an der Kohlmeyerstraße. Die Liste der Vorwürfe ist lang und geht von Annäherungsversuchen über das gemeinsame Schauen eines Pornofilms bis zum Eindringen in den Körper.

Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch wandte sich dem Tatverdächtigen zu und versuchte, einen Draht zu ihm zu erhalten. Vergeblich. "Ich hielt das Mädchen in den Armen, richtig. Sie lief nackt durch die Wohnung – auch das stimmt", räumte der Angeklagte ein und beteuerte: "Ich habe nichts gemacht, ich bin nicht pädophil veranlagt. Ich habe dem Kind nichts angetan."

Der 57-Jährige, der lange in Garßen lebte, ist seit mehreren Jahren geschieden, lernte die betroffene Familie vor etlichen Jahren kennen. Die Mutter der Geschädigten musste sich im vergangenen Jahr mehrere Wochen stationär in einem Krankenhaus behandeln lassen. Mit Zustimmung des Jugendamts übernahm der Angeklagte die Pflegeschaft der Schülerin. Das Aussehen der Zwölfjährigen wirke "aschenputtelmäßig", so der Beschuldigte.

Ein Sexspielzeug, welches tief unten in seinem Schlafzimmerschrank lagerte, habe das Mädchen vielleicht mal in der Hand gehabt. Mehr nicht, sagte der Angeklagte. Doch das Landeskriminalamt Niedersachsen hat viele DNA-Spuren der Geschädigten am Sexspielzeug gefunden, die nicht durch bloßes Berühren, etwa beim Einräumen sauberer Wäsche, entstanden sein müssen.

Der Inhalt der Akten, die am ersten Prozesstag randvoll gestapelt auf dem Richtertisch lagen, behandelte Streitigkeiten in Familien, den Konkurrenzkampf mehrerer Männer, die Zweckentfremdung von Kindergeld und den Vorwurf, in der Pädophilenszene verankert zu sein.

Am 31. Dezember um 3.16 Uhr entwickelte sich ein kruder Internetchat zwischen dem Beschuldigten und einem Bekannten. Zunächst habe die Tilgung alter Verbindlichkeiten im Vordergrund gestanden, elf Minuten nach Beginn erhielt der 57-Jährige folgende Nachricht: "Ich weiß viel über Dich, da werden viele singen." Die Beschwichtigung im Sitzungssaal folgte prompt, es sei nur um Geld gegangen. Die Befragung zog sich hin. Irgendwann reichte es dem Vorsitzenden, deutlich hörbar schlug der mit der Faust auf den Tisch: "Überall wohin man blickt, es ging nur um das Thema Sex".

In dem seltsamen Satz sei es um seinen acht Jahre älteren Bruder gegangen, betonte der Beschuldigte. Dieser sei vor einigen Jahren gestorben. Zuvor habe er sich regelmäßig in verschiedenen Badeanstalten aufgehalten, um dort exhibitionistische Handlungen vorzunehmen. Bei den Verfahrensbeteiligten entstand jedoch der Eindruck, dass es tatsächlich um pikante Details ging. Um welche? Auf diese Frage braucht die Strafkammer bis zur möglichen Urteilsverkündung am 24. Oktober 2017 eine Antwort. Bis dahin müssen diverse Zeugen und Sachverständige in Lüneburg Rede und Antwort stehen.

Von Benjamin Reimers