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Blaulicht Celler vor Gericht: Aus Freundschaft wird eiskalte Rivalität
Celle Blaulicht Celler vor Gericht: Aus Freundschaft wird eiskalte Rivalität
16:42 09.12.2016
Celle Stadt

Wenige Minuten vor Beginn der Verhandlung wälzen sich die Verteidiger durch Papierberge und besprechen letzte Details mit den Mandanten. Vor dem Landgericht Lüneburg müssen sich drei Männer, die zwischen 20 und 32 Jahre alt sind, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Raub und räuberischer Erpressung verantworten.

Laut Anklage verabredeten sich die Tatverdächtigen am frühen Nachmittag des 27. Dezembers 2015 mit dem Geschädigten in einer Parkanlage. Die anfänglich nachweihnachtliche Trinkzeremonie eskalierte plötzlich. Aus Freundschaft entwickelte sich eiskalte Rivalität. Einer der Angeklagten kramte mitten im Gespräch Pfefferspray aus der Tasche und es in Richtung des 33-jährigen Opfers. Der Mittäter warf den Geschädigten in seiner Orientierungslosigkeit um und trat mehrere Male auf Gesicht und Oberkörper ein. Verletzt und kampfunfähig lag er am Boden. Die Situation entwickelte bedrohliche Züge, ein Angreifer hielt dem Kontrahenten ein Messer an den Hals und sagte: „Verräter. Ich stech Dich ab“. Doch dazu kam es nicht, denn die Räuber zogen die Geldbörse aus der Gesäßtasche und ergriffen die Flucht.

Die Angeklagten geben lediglich zu, das Opfer geschlagen zu haben „Wir wollten dem eine Lektion behandeln, da er eine Bekannte als Schlampe bezeichnete“, heißt es in einer verlesenen Erklärung. Es sei weder Reizgas versprüht worden noch gab es einen Raub. Da unmittelbare Zeugen fehlen, muss das Gericht andere Quellen heranziehen und das Randgeschehen beleuchten.

Eine Zeugenaussage hat besondere Sprengkraft: Ein Schüler aus einem Celler Vorort schildert detailliert seine Erlebnisse. Am Abend des 27. Dezembers besuchte er seine ältere Schwester, um mit ihr technische Probleme seines Handys zu besprechen. Im Wohnzimmer auf der Couch saßen drei Männer. Einer aus dem Trio prahlte mit gewissem Stolz einen Mann krankenhausreif geschlagen zu haben und wedelte mit dem Portemonnaie und der Bankkarte des Opfers herum.

Richterin Silja Precht hakt nach, bittet den 16-Jährigen, sich möglichst an den genauen Wortlaut der Männer zu erinnern. Der Schüler kramt in seiner Erinnerung: „Die haben jemanden überfallen, zusammengeschlagen und mit dem Messer bedroht. Mit dem Geld wollten sie eine Pizza bestellen. Das sagten die.“ Das Gericht interessiert sich auch für den Urheber der Botschaft. Der Heranwachsende macht dafür den 23-jährigen Angeklagten aus: „Ich kenne ihn.“ Das weicht vom Akteninhalt ab. Bisher vermutete die Staatsanwaltschaft den Jüngsten aus der Bande als Drahtzieher ausmachen zu können.

Noch in einem weiteren Punkt erweist sich der Zeuge als hilfreich. Am Abend setzte er sich an seinen Computer und recherchierte im Internet und fand in einem sozialen Netzwerk den Aufruf des Geschädigten, der sein Leid schilderte und die Bevölkerung um sachdienliche Hinweise bat. Der Schüler zeigte Zivilcourage, kontaktierte den 33-Jährigen, berichtete von den Leuten, die seine Schwester besuchten und gab die Information an die Polizei weiter.

„Wir befragten den Verletzten, er sah ziemlich mitgenommen aus“, erinnert sich ein Kommissar vor der Strafkammer. Ein ärztlicher Bericht diagnostizierte nach ambulanter Behandlung im Krankenhaus eine Gehirnerschütterung und Blutergüsse am ganzen Körper.

Den Prozess setzt Richterin Precht übernächste Woche fort, dann will sie bereits die Urteile sprechen.

Von Benjamin Reimers