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Blaulicht Deutschland blickt nach Celle: Prozess gegen Hassprediger beginnt
Celle Blaulicht Deutschland blickt nach Celle: Prozess gegen Hassprediger beginnt
19:11 26.09.2017
Vor dem Oberlandesgericht startet der Prozess gegen den Hassprediger Abu Walaa und vier weitere Männer im Alter zwischen 27 und 51 Jahren. Quelle: Julian Stratenschulte
Celle Stadt

Es ist 9.30 Uhr. Eigentlich noch früh am Tag. Doch vor dem Oberlandesgericht Celle herrscht bereits dichter Medienrummel: Mikrofone, Kameras und Übertragungswagen größerer Fernsehsender haben sich am Dienstagvormittag vor dem Justizgebäude versammelt.

Um 10 Uhr sollte der Prozess gegen den Hassprediger Abu Walaa beginnen. Vor dem Eingang zum Hochsicherheitstrakt an der Kanzleistraße hat sich eine Menschentraube versammelt: Journalisten, die sich akkreditiert haben und direkt aus dem Gerichtssaal berichten dürfen, und einige Zuschauer warten gespannt darauf, ins Gebäude gelassen zu werden, das Polizisten und Justizbeamte umfangreich gesichert haben. Auch eine Gruppe Schüler hat sich eingefunden – in der Hand halten sie ihren Personalausweis, den sie im Gericht vorzeigen müssen.

Immer wieder bleiben Passanten auf der Straße stehen: Einige gucken erstaunt wegen der vielen Kameras, sagen aber nichts. Andere geben einen Kommentar ab – wohlwissend, was hier los ist. „Den sollen sie wegsperren“, ist von einer älteren Frau zu hören. An der Ecke zum Schlossplatz spricht eine junge Reporterin des Nachrichtensenders n-tv ihren Text ein. „Einer der interessantesten Prozesse der vergangenen Jahre...“, beginnt die Journalistin vor laufender Kamera zu erzählen.

Unterdessen – es ist inzwischen 10.15 Uhr – wird die Menschenansammlung an der Kanzleistraße immer kleiner. Nach und nach werden die Besucher und Reporter ins OLG-Gebäude hineingelassen. Sie müssen nun die Sicherheitsschleuse passieren. Körper und gegebenenfalls Taschen und Rucksäcke werden auf unerlaubte Gegenstände kontrolliert. Der ganz normale Alltag in einem Justizgebäude – doch begonnen hat gerade ein Prozess von nicht alltäglicher Brisanz.

Hassprediger lächelt vor Gericht

Abu Walaa gilt als „Prediger ohne Gesicht“, weil er sich bei seinen Hassbotschaften im Internet nur von hinten zeigt. Seit Dienstag muss sich der mutmaßliche Deutschlandchef der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Celle vor dem Oberlandesgericht verantworten. Dort können die Zuschauer dem Mann nun in die Augen blicken. Laut Anklage ist der 33-jährige Iraker verantwortlich für die Ausreise zahlreicher radikalisierter junger Menschen in die IS-Kampfgebiete. Mit ihm angeklagt sind vier weitere IS-Unterstützer im Alter zwischen 27 und 51 Jahren.

Schwerbewaffnete Spezialkräfte der Polizei sowie Beamte mit Maschinenpistolen sichern das Gerichtsgebäude, verhandelt wird im Hochsicherheitstrakt und die Angeklagten sitzen hinter Panzerglas. Und dies nicht grundlos: Laut Gericht gibt es Anschlagsdrohungen ebenso wie den Aufruf im Internet zur Befreiung eines Angeklagten.

Zwar tragen mehrere der Angeklagten und auch Abu Walaa längere Bärte, wie sie für die radikal-islamischen Salafisten typisch sind. Wie furchteinflößende Terrordrahtzieher wirken die fünf aber nicht. Mit wachem Blick und sympathischem Lächeln redet Abu Walaa, der eine dunkle Strickjacke trägt und die Haare kurz rasiert hat, mit seinem Anwalt. Man kann sich vorstellen, dass er Menschen für sich gewinnen kann - auch für einen fanatischen Glaubenskrieg, davon zumindest ist die Bundesanwaltschaft überzeugt.

Beim inzwischen verbotenen Deutschen Islamkreis in Hildesheim soll Abu Walaa radikal-islamische Predigten gehalten und die Moschee zu einem bundesweiten Rekrutierungszentrum des IS gemacht haben. Laut Anklage indoktrinierte das Netzwerk junge Menschen und schickte sie nach Syrien oder in den Irak.

Zwei in der Anklage genannte Zwillinge aus Castrop-Rauxel sollen sich dort als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt haben, rund 150 Regierungssoldaten starben dabei. Während der Schilderung dieses Räderwerks des Terrors lächelt Abu Walaa immer wieder, fast hämisch, scheint es. Manchmal schüttelt er den Kopf.

Außer in Hildesheim war der von den Sicherheitsbehörden seit Jahren beobachtete Prediger in Nordrhein-Westfalen aktiv, wo er in Tönisvorst bei Krefeld lebte. Außerdem organisierte er Islamseminare in Moscheen in Berlin, Kassel, Frankfurt und dem westfälischen Bocholt. Auch der Berlin-Attentäter Anis Amri soll sich im Umfeld von Abu Walaa und seinem Netzwerk aufgehalten haben. Kontakte soll es über den verschlüsselten Messengerdienst Telegram gegeben haben.

Alle fünf Männer wurden im vergangenen November in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen festgenommen. Ihnen wird Unterstützung und Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen, nun drohen ihnen bis zu zehn Jahre Haft.

Belastet wird Abu Walaa von mehreren V-Leuten der Polizei sowie einem ehemaligen IS-Sympathisanten aus Gelsenkirchen. Der Kronzeuge sagte sich nach einer Syrienreise von der Terrormiliz los und packte bei den Ermittlern aus, er erhielt im Mai eine Bewährungsstrafe.

Wie die Verteidigung zu Prozessbeginn erklärte, sei der Kronzeuge ein Hochstapler. Die Vorwürfe stützten sich auf die Aussagen eines Terroristen. Abu Walaas Verteidiger Peter Krieger sagte, der Kronzeuge erzähle „fantastische Geschichten“, die die Behörden nicht überprüft hätten. Trotz jahrelanger Beobachtung hätten die Behörden Abu Walaa zuvor nie etwas anlasten können.

Und eines lässt aufhorchen: Die Verteidigung behauptet auch, der auf Abu Walaa angesetzte V-Mann „VP01“ des Landeskriminalamtes NRW habe Anis Amri immer wieder zum Verüben von Anschlägen aufgefordert. Deswegen, so die Vermutung der Anwälte, dürfe der V-Mann wohl nicht in Celle als Zeuge aussagen.

(dpa)

Von Carsten Richter und Michael Evers