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Blaulicht Erinnerungen und Konsequenzen aus dem JVA-Ausbruch in Celle vom Mai 1995
Celle Blaulicht Erinnerungen und Konsequenzen aus dem JVA-Ausbruch in Celle vom Mai 1995
00:54 23.05.2015
Mit drei Fahrzeugen stoppte die Polizei am 23. Mai 1995 in Osnabrück den letzten Fluchtwagen der Celler Geiselgangster. Den Zugriff befahl der damalige Celler Polizeichef Erich Philipp. Quelle: Holger Hollemann (Archiv)
Celle Stadt

„Lieber hier draußen durch eine Kugel verrecken als Stück für Stück hinter Mauern.“ Die Motivation des Ausbruchs aus der JVA Celle machte der Geiselgangster Günther F. in einem Interview mehr als deutlich. Gemeinsam mit Peter S. (38) hatte der damals 37-jährige gebürtige Soltauer am 21. Mai 1995 einen Gefängniswärter überwältigt und so unter anderem einen Sportwagen zur Flucht erpresst. Mehr als 50 Stunden waren die als überdurchschnittlich intelligent eingestuften Verbrecher mit ihrer Geisel in Niedersachsen unterwegs. In Osnabrück wurden sie letztlich gestoppt und der Justizvollzugsbeamte befreit. Der ist inzwischen seit 11 Jahren in Rente und will sich zu seinen dunkelsten Stunden nicht mehr äußern.

Die dritte Geiselnahme innerhalb von nur elf Jahren in der Celler JVA hatte politische Folgen. Ein landesweites Sicherheitskonzept wurde beschlossen: In vier Anstalten richtete das Land Sicherheitsstationen mit 46 Einzelhaftplätzen ein, so dass gefährliche Gefangene auch innerhalb Niedersachsens verlegt werden können. „Die Alamierungsmöglichkeiten wurden ausgebaut und die Kontrolldicht erhöht“, sagte gestern die Sprecherin der JVA Celle, Linda Holexa, zu konkreten Folgen in Celle. So werde das Risiko einer Geiselnahme minimiert: „Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass sich Gefangene, denen die eigene Situation aussichtslos erscheint, zu derartigen Handlungen entschließen.“ Die Mitarbeiter würden deshalb gezielt geschult und psychologisch betreut.

Der 21. Mai 1995 war ein Sonntag: In der Bibliothek brachten die Gefangenen den Aufseher in ihre Gewalt. Sie drohten die Geisel umzubringen, verlangten ein Funktelefon, ein schnelles Fluchtauto sowie 200.000 Mark (102.000 Euro). Die Polizei nahm die Drohungen sehr ernst. Beide Täter galten als „entschlossen und gewaltbereit“ sowie als HIV-positiv. Peter S. war bereits 1984 mit einer selbstgebastelten Handgranate und einer Geisel aus der JVA Celle geflohen, so dass die Einsatzleitung davon ausging, dass die Geiselnehmer auch diesmal über Waffen verfügten. Am Abend raste ein dunkelblauer Porsche vom Anstaltsgelände, zunächst verfolgt von zahlreichen Polizeiwagen. Medienvertreter und Schaulustige belagerten zum Zeitpunkt der Flucht das Gefängnis.

Die anscheinend ziellose Flucht der Gangster führte kreuz und quer durch Niedersachsen. In Bad Eilsen an der A2 ließen sie den Porsche stehen und setzten ihre Flucht mit einem gestohlenen VW Golf fort. In der Innenstadt von Osnabrück griff die Polizei endgültig zu. Das Leben der Geisel habe auf dem Spiel gestanden, da die Täter eine „unberechenbare Phase“ durchlebten.

Der eine Geiselgangster saß danach bis 2011 im Gefängnis, der andere ist nach dem Verbüßen mehrerer Freiheitsstrafen inzwischen in Sicherungsverwahrung untergebracht.

Von Volker Franke