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Blaulicht Ezide muss nach Krawallen mit Muslimen in Celle ins Gefängnis
Celle Blaulicht Ezide muss nach Krawallen mit Muslimen in Celle ins Gefängnis
20:28 10.02.2015
Quelle: Benjamin Westhoff (Archiv)
Celle Stadt

Nach der Massenschlägerei mit mehr als 400 aufgebrachten Menschen auf Celles Straßen muss nun ein 50-jähriger Ezide zwei Jahre und vier Monate hinter Gitter. Anhand der vielen Beweise sah es das Celler Schöffengericht als erwiesen an, dass der mehrfach einschlägig Vorbestrafte aktiv bei den Ausschreitungen zwischen ezidischen Kurden und muslimischen Tschetschenen vom 6. Oktober mitgewirkt und sich der versuchten sowie der vollendeten schweren Körperverletzung zum Nachteil zweier Familienväter schuldig gemacht hat. Mit dem Urteil blieb das Gericht fünf Monate unter dem Antrag des ersten Vertreters der Staatsanwaltschaft. Beide Opfer hätten bis zum heutigen Tag unter den Folgen der Krawalle zu leiden, welche sich unmittelbar vor deren Haustür abgespielt hätten, hieß es unter anderem in dessen Antrag.

Anfang Oktober soll ein Angriff ezidischer Jugendlicher gegen einen Russischstämmigen im Celler Stadtteil Neuenhäusen zu massiven Gegenreaktionen aus beiden Lagern geführt haben. Der auslösende Übergriff, bei dem ein Jugendlicher wegen seines salafistisch aussehenden Bartes geschlagen worden war, hatte zum ersten Aufeinandertreffen der rivalisierenden und offenbar gleichgelagert gewaltbereiten Volksgruppen in der Fuhsestraße geführt.

Nach Beweislage hatte sich der damals zufällig vorbeikommende Angeklagte spontan seinen mit gefährlichem Werkzeug ausgestatteten Landsleuten angeschlossen und trotz Polizeipräsenz an Kampfhandlungen mit ebenfalls bewaffneten Tschetschenen beteiligt. Ein Polizeibeamter hatte als Zeuge vor Gericht ausgesagt, dass der ihm nachbarschaftlich Bekannte nach anfänglichen Schlichtversuchen entschieden habe, bei seinen Glaubensbrüdern mit zu laufen, um "die Sache zu klären".

Im Verlauf einer aus Einzelhandlungen entfachten Massenschlägerei zwischen den zahlenmäßig ungleich gewichteten Gruppierungen soll der Angeklagte dann einen Unbeteiligten der Gegenseite von hinten angesprungen und umklammert haben. Als ein 52-Jähriger dem 40-jährigen Muslim zur Hilfe kam, war der Schlichter sofort von mehreren Eziden zu Boden gebracht und brutal zusammengeschlagen worden. Zufällig mitgeschnittene Videoaufzeichnungen und Zeugenaussagen ergaben, dass sich der Angeklagte an Gewalthandlungen gegen den am Boden Liegenden beteiligt hatte. Demnach hatte er sich nach kurzem Ablassen erneut auf den Verletzten zubewegt und diesem einen gezielten Fußtritt versetzt. Zu seiner Selbstverteidigung gab der Angeklagte jetzt zu Protokoll, leichtes Schuhwerk getragen und sich bei den Opfern für das gesamte Geschehen entschuldigt zu haben.

Wiederholt hatte der ezidische Angeklagte in dem Prozess über seinen Verteidiger politische Erklärungen abgegeben über die besondere emotionale Beanspruchung seiner Landsleute bezüglich des IS-Terrors gegen das eigene Volk. Außerdem beteuerte er seine Reue. Der Staatsanwalt äußerte Zweifel an der Echtheit der Aussagen. Mit den von ihm begangenen Gewalttaten sei er definitiv kein moralischer Repräsentant der Eziden gewesen, hieß es.

Von Anke Prause