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Blaulicht Gefängnisstrafe wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes
Celle Blaulicht Gefängnisstrafe wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes
22:07 05.04.2013
Celle Stadt

Diese sehr enge familiäre Bindung habe den Mann nach Überzeugung der Jugendkammer jedoch schon vor gut elf Jahren nicht davon abgehalten, seine Nichte für sexuelle Handlungen zu missbrauchen. Weitere Vorfälle soll es nach Angaben des Teenagers auch in den Jahren 2004, 2008 und 2009 gegeben haben. Doch die Staatsanwaltschaft glaubte der jungen Frau nicht, dass sie sich daran so genau erinnern konnte. Sie beantragte nach Ende der mehrtätigen Beweisaufnahme „im Zweifel für den Angeklagten“ einen Freispruch aus Mangel an Beweisen und bestätigte damit die Verteidigungsstrategie des Verteidigers, Rechtsanwalt Ralf Blidon.

Zur Begründung des dennoch mit einer Gefängnisstrafe endenden Urteils gab der Vorsitzende Richter am Landgericht, Axel Knaack, ein Lehrstück zur Beurteilung von Glaubwürdigkeitsgutachten ab. „Bis 1999 begutachteten die Sachverständigen die Glaubwürdigkeit von Zeugen nach Wind und Wellenschlag“, leitete er die ausführliche Darstellung der vom Bundesgerichtshof aufgestellten Kriterien für die Beurteilung von Zeugen ein. Knaack gab sich viel Mühe, um den anderen Verfahrensbeteiligten zu erklären, „warum die Kammer der Nebenklägerin glaubt, obwohl der Angeklagte untadelig ohne Vorstrafen und kein Sittenstrolch ist.“

Zwei psychiatrische Gutachter hatten sich vor Gericht über die Glaubwürdigkeit der Zeugin und die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben ausgelassen. „Hochstrittig“, bedauerte Knaack die sich widersprechenden Ergebnisse der Psychiater. „Unsere Pflicht ist es nun“, sagte Knaack mit einem Blick auf die mit vier Richtern besetzte Richterbank, „die Angaben der Zeugin zu würdigen.“ Dann hagelte es Fachbegriffe zur Konstanzanalyse, Fehlerquellenhypothese, Detailkonstruktion und Individualitätskriterien. „Wir reden hier über Geschehnisse die lausig lange her sind“, sagte Knaack und zählte die Umstände des ermittelten Tatgeschehens „beim Schlafengehen, im Harz-Urlaub und beim Schützenfest“ auf. Das Opfer hatte früher schon einmal ihrer besten Freundin, später auch ihrer Mutter sowie auch der Ehefrau des Angeklagten und zuletzt der Polizei und vor Gericht von den Vorfällen berichtet. „Wir glauben ihr, dass sie zutreffende Angaben gemacht hat“, hieß es.

Verteidiger Rechtsanwalt Ralf Blidon kündigte umgehend die Revision an. Daher ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. (aja)

Von Angelika Jansen