Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Blaulicht Geständnis im Prozess nach Celler Krawallen
Celle Blaulicht Geständnis im Prozess nach Celler Krawallen
23:28 06.02.2015
Lüneburg

Nach den Krawallen zwischen Kurden und Eziden vom vergangenen Herbst in Celle muss sich ein 31-Jähriger seit gestern wegen versuchten Totschlags vor dem Lüneburger Landgericht verantworten. Der Deutsche kurdischer Abstammung räumte zu Prozessauftakt ein, einen 52-jährigen Tschetschenen mit einem Teleskop-Schlagstock aus Metall geschlagen zu haben. Das Opfer hatte eine Platzwunde am Hinterkopf erlitten.

Er habe aber nicht auf den Kopf gezielt und den Mann auch nicht töten wollen. „Er bedauert zutiefst, den Hinterkopf des Geschädigten getroffen zu haben“, las Verteidiger Jürgen Ahrens (Göttingen) aus einer schriftlichen Erklärung seines Mandanten vor. Nur zufällig sei der unbeabsichtigt in die Auseinandersetzung hineingeraten, nachdem sich in Celle wie ein Lauffeuer herumgesprochen hätte, dass sein Bruder verletzt worden war.

Im Handgemenge, dass sich ihm als Unbeteiligtem auf der Fuhsestraße an der Ecke zur Kirchstraße bot, habe er einem Jugendlichen den Schlagstock weggenommen, damit dieser niemanden in Gefahr bringen konnte. Außerdem hatte er auch das Gefühl sich selbst bewaffnen zu müssen. Weitere Erklärungen wollte der Angeklagte nicht abgeben.

Zu den Zusammenstößen zwischen ezidischen Kurden und muslimischen Tschetschenen war es Anfang Oktober vor dem Hintergrund des Vorrückens der Terrormiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien gekommen. Auslöser der zweitägigen Krawalle war ein Missverständnis: Einige wegen der Massaker an Familienmitgliedern in der Heimat aufgebrachte Eziden hatten einen Tschetschenen wegen seines Bartes für einen Islamisten gehalten und angegriffen. Der Konflikt eskalierte.

Der 52-Jährige kam nach den Angriffen mit einer Gesichtsfraktur, einem Armbruch und gebrochenen Rippen ins Krankenhaus. „Ich bin kein gesunder Mensch mehr“, ließ er gestern über eine Dolmetscherin mitteilen. Seit dem Zwischenfall sei er arbeitsunfähig.

Er habe Fleisch für das muslimische Opferfest holen wollen und sei ebenfalls nur zufällig in die tumultartigen Auseinandersetzungen hineingeraten. Auf Nachfragen konnte sich der Zeuge nicht mehr an Einzelheiten erinnern, was wiederum den Vorsitzenden Richter Thomas Wolter aufhorchen ließ, hatte der Geschädigte nach dem Vorfall vor einigen Monaten gegenüber der Polizei doch andere Angaben gemacht.

„Sie sind bestimmt provoziert worden, aber was passiert ist, ist passiert“, sagte der Geschädigte zum Angeklagten, als der sich bei ihm entschuldigen wollte.

Während ein Kommissar der Celler Polizei im Prozess Videoaufnahmen kommentierte, die von Einsatzbeamten aber auch von Anwohnern während der Tumulte auf der Straße aufgenommen waren, regte sich mal auf der Anklagebank, mal am Tisch des Nebenklägers und seines Vertreters Unruhe. Neben den Videoaufnahmen konnte die Staatsanwaltschaft auch DNA-Spuren an dem Schlagstock ins Feld führen. Bei einer späteren Hausdurchsuchung waren zudem eine Pistole und Munition bei dem Angeklagten gefunden worden. Dazu wollte der 31-Jährige gestern keine Aussage machen.

Für den ersten Prozesstag hatte das Lüneburger Landgericht erhöhte Sicherheitsmaßnahmen angeordnet – um auszuschließen, dass es zu einer „Begegnung“ wie in Celle kommen könnte.

Von Angelika Jansen