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Blaulicht Landgericht Lüneburg schickt 22-jährigen Celler auf Entzug
Celle Blaulicht Landgericht Lüneburg schickt 22-jährigen Celler auf Entzug
17:48 21.06.2017
Quelle: dpa (Symbolfoto)
Celle Stadt

„Der Angeklagte war nicht Herr seiner Sinne, da seine Steuerungsfähigkeit aufgehoben war“, erläuterte Richterin Silja Precht. Bei verschiedenen Bekleidungsgeschäften, Drogerien und Supermärkten verschwanden innerhalb weniger Wochen hochwertige Waren. In einem unbeobachteten Moment raffte er von einem Kleiderständer am Eingang eines Modehauses mehrere Jacken im Wert von 429 Euro.

Als mehrere Stangen Zigaretten in einem Supermarkt an der Telefunkenstraße in seinem Rucksack verschwanden, holte eine Mitarbeiterin Verstärkung. Das Personal erlebte zunächst einen Dieb, der etwas verlegen wirkte, doch plötzlich explodierte die Stimmung. „Er wurde nervös, trank einen Energiedrink leer und warf die Dose nach uns“, berichtete ein Angestellter im Zeugenstand. Wie konnte es so weit kommen? Die Rauschgiftsucht, die in der Pubertät begann, nahm im Laufe der Jahre überhand. In seinem letzten Wort flehte der 22-Jährige die Kammer regelrecht an, "dem Sumpf endlich zu entkommen".

Ein weiterer Tiefschlag: Als Passanten am 17. Januar gegen 11 Uhr den Notruf wählten, rangelten mehrere Personen an der Schlossbrücke miteinander. Als Streifenwagen eintrafen, löste sich die Gruppe auf. Der Beschuldigte wies zahlreiche Blessuren im Gesicht auf, zwei Polizisten wollten Erste Hilfe leisten. Ohne erkennbaren Grund beschimpfte er erst die Beamten, später attackierte er sie. Ein 52-jähriger Schutzmann erlitt beim Gerangel eine Fraktur am Finger. Mit einer dauerhaften Folge. „Das Gelenk musste versteift werden, Sie nahmen die Verletzung billigend in Kauf“, sagte Richterin Precht.

Nach der Verkündung des Haftbefehls im Amtsgericht ereignete sich der nächste Ausfall: Wortlos, ohne eine Regung zeigend, stand der Angeklagte auf, näherte sich dem Richter und schlug ihn mehrere Male mit der Faust ins Gesicht. Ein Rettungswagen brachte den Juristen nach der Attacke ins Krankenhaus. Zahlreiche Hämatome und eine Rissquetschwunde diagnostizierten die Ärzte.

Die Verfahrensbeteiligten in Lüneburg versuchten das medizinische Labyrinth von Behandlungsmöglichkeiten physisch kranker Straftäter zu entwirren. Es drängte sich die Frage auf, warum niemand den Beschuldigten stoppte, der ab Herbst 2016 mehrere Male mit der Polizei zu tun bekam. Anfang 2017 setzte die Betreuungsabteilung des Amtsgerichts einen weiteren Termin an, um die vorangegangenen Ungereimtheiten der Psyche zu untersuchen. In einem Protokoll ist von „abgehackten verbalen Äußerungen“ die Rede und verbunden mit der Anordnung der Fürsorge. Wieder geschah nichts, obwohl die Diagnose einer paranoiden Schizophrenie verbunden mit einer verminderten Affektkontrolle in den Papierbergen stand. Doch während der Urteilsverkündung sahen die Verfahrensbeteiligten einen erleichtert wirkenden Menschen, der mit wachem Gesichtsausdruck den Äußerungen der Vorsitzenden lauschte.

Von Benjamin Reimers