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Blaulicht Nach schweren Unfällen: Polizei kontrolliert Fahrradfahrer im Celler Stadtgebiet
Celle Blaulicht Nach schweren Unfällen: Polizei kontrolliert Fahrradfahrer im Celler Stadtgebiet
16:58 22.01.2014
Nach zwei schweren Verkehrsunfällen mit Fahrradfahrern hat die Polizei Celle ihre Fahrradkontrollen, wie hier in der Jägerstraße, verstärkt. Quelle: Alex Sorokin (3) / dpa (2)
Celle Stadt

Stop! Bitte mal anhalten“, fordert Polizeihauptkommissar Markus Heins den jungen Radfahrer mit ausgestrecktem Arm auf. Zögerlich bremst dieser und kommt neben dem Polizisten zum Stehen.

Noch ist es früher Morgen, die Dämmerung lässt sich bisher nur erahnen. Die Bernstorffstraße mit ihrem alten Baumbestand verschlechtert die Lichtverhältnisse noch. Autos parken dicht gedrängt an beiden Straßenrändern und Menschen eilen zur Schule, zur Arbeit, zum Bäcker. Es wird langsam Winter, dieser Morgen ist bisher einer der kältesten in diesem Jahr. So dominieren dunkle Winterjacken und Mützen das Straßenbild. Aus dem Dunkeln, zwischen zwei Straßenlaternen, taucht der junge Mann wie aus dem Nichts auf seinem Fahrrad auf, ebenfalls dick eingemummelt in eine dunkle Jacke – und ohne Licht an seinem Fahrrad.

Nach zwei schweren Fahrradunfällen im Dezember und Januar, einer davon mit tödlichem Ausgang, hat die Polizei Celle ihre Fahrradkontrollen verstärkt, um die Bürger für das Thema Fahrradsicherheit zu sensibilisieren. Am Dienstagmorgen gab es deshalb wieder drei Kontrollpunkte in Schulnähe: Neben der Bernstorffstraße waren Beamte auch an der Kreuzung Jägerstraße/Hannoversche Straße sowie in der Burgstraße aktiv. Primär achteten sie darauf, ob die Fahrradfahrer mit funktionierender Beleuchtung und auf der richtigen Straßenseite unterwegs waren. „Die Leute können so viele Gefahren vermeiden, indem sie einfach nur ihr Licht am Fahrrad anmachen“, sagt Polizist Heins und streckt erneut den Arm aus, um den nächsten Fahrradfahrer ohne Licht anzuhalten.

„Ja, ich wollte den Dynamo ja reparieren, aber ich hatte keine Zeit“, rechtfertigt sich der 20-Jährige, nachdem Heins seine fehlende Beleuchtung bemängelte. Der Polizist beugt sich herunter, drückt den Dynamo an den Hinterreifen und stellt fest: „Der funktioniert nicht.“ Der Fahrradfahrer zuckt mit den Schultern, hebt etwas hilflos die Arme. Zeitmangel, seine Entschuldigung dafür, warum sein Fahrrad nicht verkehrstüchtig ist, lässt Heins nicht gelten: „Das ist ein ziemlich schwaches Argument.“

Bei ihrer morgendlichen Kontrolle bekam die Polizei Celle Unterstützung von der Hannoverschen Bereitschaftspolizei. Insgesamt fast 20 Polizisten kontrollierten für anderthalb Stunden Fahrradfahrer im Stadtgebiet, vor allem Schüler wurden von den Beamten angehalten. Die Konsequenzen für das Fahren ohne Licht oder auf der falschen Straßenseite fallen dabei ganz unterschiedlich aus. Offiziell, laut dem aktuellen Bußgeldkatalog für Radfahrer, werden für das jeweilige Vergehen 20 Euro fällig. Wer beim Fahrradfahrer mit dem Handy telefoniert oder SMS schreibt, muss ein Bußgeld von 25 Euro zahlen (einen Auszug aus dem Bußgeldkatalog für Radfahrer mit den häufigsten Vergehen gibt es unten). Die Beamten können allerdings auch mündliche Verwarnungen aussprechen; ebenfalls möglich ist die Aufforderung, das Fahrrad zu reparieren und nach einigen Tagen bei der Polizeidienststelle wieder vorzustellen.

„Ihren Ausweis brauche ich bitte“, fordert Heins von dem jungen Mann mit Zeitmangel. Der befühlt seine Jacken- und Hosentaschen, nach einigen Minuten fischt er eine Krankenkassenkarte aus seiner Hosentasche. „Geht die auch?“, möchte er wissen. „Die geht auch, da steht ja ihr Name drauf“, beruhigt Heins den etwas nervösen 20-Jährigen. Der Polizist notiert die Daten und weist noch einmal auf die zwei schweren Fahrradunfälle hin, die sich seit Dezember ereignet haben. Ohne Licht am Fahrrad steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Unfällen kommt. „Man sieht Sie einfach nicht“, betont Heins noch einmal eindringlich und gibt die Krankenkassenkarte zurück.

„Die Leute machen sich nicht bewusst, wie gefährlich das Radfahren ohne Licht ist“, stellt Guido Koch, Pressesprecher der Polizei Celle, fest. „Die Kontrollen sind auch dazu da, um den Radfahrern klarzumachen, dass sie das Licht am Fahrrad anmachen sollten, um gesehen zu werden, und nicht nur, um selber etwas zu sehen.“ Nach den Kontrollen in der letzten Zeit meint Koch eine Verbesserung diesbezüglich zu erkennen: „Ich habe das Gefühl, dass mehr Leute ihr Licht am Fahrrad einschalten, mit Zahlen können wir das aber noch nicht belegen.“ Nun gehe es vor allem um die Nachhaltigkeit der Kontrollen und darum, die Leute auch langfristig dazu zu bewegen, in Dunkelheit und Dämmerung für funktionierendes Licht am Fahrrad zu sorgen.

„Ich spreche Ihnen eine mündliche Verwarnung aus“, entscheidet Heins im Falle des Radfahrers ohne funktionierenden Dynamo. Der junge Mann nickt erleichtert, er verstehe, dass er für funktionierendes Licht am Fahrrad sorgen müsse – egal wie knapp seine Zeit ist. Schieben muss er sein Rad an diesem Morgen trotzdem, Sicherheit geht vor. „Das ist meistens Strafe genug“, weiß der Polizist. Wenn er Radfahrer anhält und auf fehlendes Licht oder das Fahren auf der falschen Straßenseite hinweist, trifft er kaum auf uneinsichtige Bürger. „Die meisten wissen ja, was sie falsch gemacht haben“, sagt er augenzwinkernd.

Die Bilanz der morgendlichen Kontrolle: 61 mündliche Verwarnungen wurden für das Fahren ohne Licht oder das Fahren auf der falschen Straßenseite ausgesprochen, die Verwarnungen erhielten dabei ausschließlich Schüler. Zusätzlich wurden zehn Mal die Personalien von erwachsenen Radfahrern aufgenommen, an sie geht in den nächsten Tagen eine Zahlungsaufforderung über 20 Euro. Ein Verkehrsteilnehmer bezahlte seine Zahlungsaufforderung direkt vor Ort mit der EC-Karte. „Alle, die wir angehalten haben, waren einsichtig und kooperativ“, berichtet Koch. Um die Sensibilisierung der Radfahrer gerade im Winter fortzuführen, planen Koch und seine Kollegen in nächster Zeit weitere Kontrollen im Stadtgebiet.

Heins blickt zufrieden dem jungen Mann in der Bernstorffstraße hinterher, wie er sein Fahrrad Richtung Stadtzentrum schiebt. Die Kontrolle neigt sich dem Ende; die Dämmerung hat pünktlich zum Schulbeginn eingesetzt und lässt den Himmel in immer helleren Grautönen erscheinen. Im Rücken des Polizisten nähert sich die nächste Radfahrerin, sie wird immer langsamer, um an Heins, der auf dem Fahrradweg steht und in die andere Richtung blickt, vorbeizufahren. Der Polizist erschreckt sich etwas, als neben ihm die Dame auf dem Fahrrad auftaucht: „Halt, ihr Licht!“ Die Dame dreht sich zu ihm um, fährt aber weiter. „Das geht, ich musste nur so langsam fahren, um Sie zu überholen“, antwortet sie im leicht vorwurfsvollen Ton. Als sie in die Pedale tritt, erstrahlt ihr Rücklicht hellrot. Heins nickt zufrieden.

Das ist nur ein Auszug aus dem amtlichen Bußgeldkatalog für Radfahrer (Zusammengestellt vom ADFC, Quelle; Bundeseinheitlicher Tatbestandskatalog, 9. Auflage 2013). Zusätzlich gilt: Zum Bußgeldbescheid (in der Regel ab 40 Euro) kommen Gebühren und Zustellungskosten von 23,50 Euro hinzu. Außerdem wird ab 40 Euro mindestens ein Punkt im Kraftfahrt-Zentralregister in Flensburg eingetragen.

Rote Ampel

Bei Rotphase unter einer Sekunde: 45 Euro und ein Punkt

Werden dabei andere gefährdet: 100 Euro und ein Punkt

Provoziert man gar einen Unfall: 120 Euro und ein Punkt

Bei Rotphase über einer Sekunde: 100 Euro und ein Punkt

Werden dabei andere gefährdet: 160 Euro und ein Punkt

Provoziert man gar einen Unfall: 180 Euro und ein Punkt

Defekte Bremsen oder Klingel

15 Euro

Beleuchtung nicht vorhanden, nicht funktionstüchtiges oder nicht benutzt

20 Euro, mit Gefährdung anderer 25 Euro, bei Unfall 35 Euro

Telefonieren oder SMS schreiben

25 Euro

Gegen die Fahrtrichtung (auch Einbahnstraße)

20 Euro, mit Behinderung anderer 25 Euro, mit Gefährdung anderer 30 Euro, mit Unfall 35 Euro

Fußgängerzone oder Gehweg

15 Euro, mit Behinderung anderer 20 Euro, mit Gefährdung anderer 25 Euro, mit Unfall 30 Euro

Zu schnell gefahren, wo nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt ist

15 Euro

Nichtbenutzung des vorhandenen Radwegs

20 Euro, mit Behinderung anderer 25 Euro, mit Gefährdung anderer 30 Euro, mit Unfall 35 Euro

Nebeneinander fahren

mit Behinderung anderer 20 Euro, mit Gefährdung anderer 25 Euro, mit Unfall 30 Euro

Freihändig fahren

5 Euro

Fußgängern am Fußgängerüberweg das Überqueren nicht ermöglicht

40 Euro und vier Punkte

Bahnübergang trotz geschlossener Schranke überquert

350 Euro, vier Punkte

Von Amelie Thiemann