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Blaulicht Prozess um Räuberpistole: Amtsgericht Celle verurteilt Kokainsüchtigen
Celle Blaulicht Prozess um Räuberpistole: Amtsgericht Celle verurteilt Kokainsüchtigen
19:36 29.09.2017
Von Christian Link
Quelle: dpa (Symbolfoto)
Celle Stadt

Wegen seiner zahlreichen Vorstrafen und der "erheblichen Rückfallgeschwindigkeit" muss der gebürtige Türke in der JVA Celle bleiben, wo er schon zu Prozessbeginn in Untersuchungshaft saß – und wegen unberechtigter Zeugnisverweigerung sogar in Beugehaft.

Mit Hand- und Fußfesseln wurde Mustafa Ö. von zwei Vollzugsbeamten in den Saal geführt. Über die strenge Bewachung konnte sich der mehrfach Vorbestrafte nicht beschweren. Gegenüber dem Gutachter soll Ö. gesagt haben, dass er sich abschieben lassen und der Terrormiliz IS anschließen werde. "Er wolle wiederkommen und dann Deutschland zerbomben", zitierte ihn der Psychologe und bescheinigte ihm eine dissoziale Persönlichkeitsstörung: "Ich sehe bei ihm eine völlige Schuld- und Einsichtsunfähigkeit."

Über seinen Rechtsanwalt gab der wortkarge Angeklagte zwar ein Teilgeständnis ab, bestritt aber weiterhin alles, was ihm nicht hundertprozentig nachgewiesen werden konnte. So auch einen Wohnungseinbruch, bei dem er quasi auf frischer Tat ertappt worden war: Im März 2017 hatte ein Ehepaar aus Wietze den Angeklagten mitten in der Nacht im Obergeschoss ihres Wohnhauses erwischt. Der vermeintliche Einbrecher gab sich jedoch als mutiger Helfer aus. Er habe nur zwei "Neger" verfolgt, die in das Haus eingestiegen seien, erzählte er dem Ehepaar und später auch der Polizei.

Die Beamten leiteten sofort eine Großfahndung nach zwei Schwarzafrikanern ein, wobei zahlreiche Streifenwagen und ein Hubschrauber zum Einsatz kamen. "Es war jede Menge Polizei in Wietze", kommentierte der zuständige Ermittler. Bei der Beweisaufnahme habe sich Ö. jedoch in Widersprüche verwickelt: "Die Angaben schienen insgesamt nicht stimmig zu sein."

Der 33-jährige Hausbewohner hatte Ö., den er vom Sehen her kannte, seine Räuberpistole zunächst geglaubt und mit ihm zusammen auf die Polizei gewartet. "Ich grusele mich heute, wenn ich mir überlege, dass er das war. Wahnsinn!", sagte er im Zeugenstand. Glücklicherweise habe seine damals dreijährige Tochter in dieser Nacht im Elternbett geschlafen, denn auch das Kinderzimmer habe der Einbrecher durchsucht. Die Geschehnisse würden die ganze Familie noch sehr belasten. "Wir haben uns mittlerweile einen großen Hund zugelegt, weil wir immer ein mulmiges Gefühl hatten", sagte der 33-Jährige.

Das Gericht bezeichnete die Geschichte des Angeklagten als "völlig abenteuerlich". "Das ist ein absolutes Märchen, das wissen Sie selbst", wies ihn der Amtsrichter zurecht. Eindeutig überführt habe Ö. letztlich ein Paar Handschuhe mit seiner DNA, das die Polizei in der Nähe des Tatorts fand.

Auch beim Einbruch in eine Pizzeria in Wietze am 9. April 2017 sprachen Indizien und Zeugenaussagen eindeutig gegen den Anklagten. Einen dreisten Diebstahl in einen Elektromarkt in Hambühren gab Ö. zwar zu, zweifelte aber an der Schadenshöhe. Am 20. Dezember 2016 soll er den Laden gleich zweimal auf dieselbe dreiste Art bestohlen haben: Während ein Komplize den Verkäufer ablenkte, schlich er ins Lager und legte zahlreiche Artikel auf eine Fensterbank. Anschließend ging er außen vors Fenster und verlud die iPads, Tablets und Laptops im Gesamtwert von 15.200 Euro in das Auto eines Komplizen.

"Nach der Aktenlage hätte ich nicht erwartet, dass Herr Ö. hier alleine auf der Anklagebank sitzt", wunderte sich der Amtsrichter bei der Urteilsverkündung. Das Schöffengericht sei sich sicher, dass er beim Elektromarkt-Diebstahl mindestens einen Gehilfen gehabt habe. Vielleicht sogar unter den Angestellten. Denn ansonsten habe ihm der Laden die Tat "erschreckend einfach gemacht".