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Blaulicht Raubüberfall in Celle mit vielen Fragezeichen
Celle Blaulicht Raubüberfall in Celle mit vielen Fragezeichen
19:03 07.06.2017
Quelle: dpa
Celle Stadt

Wenige Minuten vor Prozessbeginn tuschelte der Angeklagte mit seiner Verteidigerin und kramte aus einem weißen Briefumschlag mehrere Schriftstücke hervor.

Die von der Staatsanwältin verlesenen Vorwürfe zum Raubüberfall Ende August 2016 wirkten über weite Strecken wie ein Krimi. Der Angeklagte und zwei Komplizen versteckten sich in einem Hauseingang an der Kanzleistraße. Ihnen sei bekannt gewesen, dass der Mieter aus dem zweiten Stock einen florierenden Rauschgifthandel mit unterschiedlichen Substanzen von Marihuana über Kokain bis zu Amphetaminen betrieb, und sie planten, „im bewusst und gewollten Zusammenwirken“ einen Kunden abzufangen, um so in die Wohnung zu gelangen. Das Trio musste nicht lange warten.

Der Anlagenmechaniker, der die Treppen hinunterging, dachte an nichts Böses, als ihm der Wortführer im Erdgeschoss plötzlich den Weg versperrte und Stoff und Handy verlangte. Der Geschädigte wehrte sich mit Faustschlägen und Tritten. Derweil soll der 20-Jährige die Eingangstür versperrt haben. Plötzlich gelang es der Bande, dem Handwerker ein Messer an die Kehle zu halten, um so seinen Widerstand endgültig zu brechen. Die Täter flüchteten mit Smartphone und Marihuana im Wert von 30 Euro. Ein noch größerer Reibach blieb den Räubern verwehrt, da der Dealer die drohende Gefahr erkannte und seine Tür verschlossen hielt.

Der Beschuldigte bestritt, vom Überfall gewusst zu haben und tischte stattdessen eine abenteuerliche Geschichte auf. Zusammen mit einem Bekannten sei er durch die Altstadt geschlendert, als sich ihnen urplötzlich ein groß gewachsener Mann, etwa 30 Jahre alt, in den Weg gestellt habe. Zunächst habe er vom Erwerb eines gefälschten Passes geredet, um Minuten später seinen Plan zu ändern und gezielt nach einem bestimmtem Haus an der Kanzleistraße zu fragen. Die Vorsitzende Richterin Sabine Philipp zeigte sich verärgert und fragte den Tatverdächtigen: „Was haben Sie gedacht, was da passieren soll?“

Der junge Mann, seit vielen Jahren selbst drogenabhängig, gestikulierte wild mit den Händen und beschrieb den großen Mann: „Er war voll drauf, wollte Koks kaufen und war aufgedreht. Wir wussten ja, wo das ist.“ Doch der Heranwachsende machte die Rechnung ohne die Justiz. Dem Landgericht gelang es, die Identität zu klären. Der Mann verbüßt gerade in einem Gefängnis in Wolfenbüttel eine Haftstrafe. Seine mit Spannung erwartete Aussage könnte den Prozess wegweisend bestimmen.

Das brachte die Verteidigerin in Verlegenheit. Sie hoffte darauf, durch ein Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen ein geringes Strafmaß für ihren Mandanten zu erreichen. Richterin Philipp durchkreuzte das Vorhaben. Denn beim Blick in die Kriminalakte des 20-Jährigen wirkte seine Erzählung eines reinen Mitläufers unglaubwürdig. Spuren führen stattdessen Richtung Schwerkriminalität. So kam heraus, dass er zusammen mit mehreren Räubern vor drei Jahren einen Juwelier in Hambühren ausgeplündert hatte. Weitere Zeugen und Gutachter sagen am Montag aus.

Von Benjamin Reimers