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Blaulicht Sechseinhalb Jahre Gefängnis für Celler nach Kindesmissbrauch
Celle Blaulicht Sechseinhalb Jahre Gefängnis für Celler nach Kindesmissbrauch
18:10 21.09.2017
Celle Stadt

U-Haft ist ein hartes Brot, und das ließ sich aus dem Gesicht des 57-Jährigen herauslesen. Mehrfach musste die Justiz den Frührentner in verschiedene niedersächsische Anstalten verlegen, da es zu Übergriffen auf ihn kam. Am zweiten Verhandlungstag räumte der ehemalige Kranführer die Taten ein, um der 12-jährigen Geschädigten die Aussage zu ersparen. In der Hauptverhandlung sprach der Angeklagte von einem normalen Stelldichein zwischen Verliebten. Die Richter intervenierten. Ein verbaler Showdown mit der Kammer entstand, bevor die Verfahrensbeteiligten ekelhafte Einzelheiten erfuhren. An einem Nachmittag schauten beide Fernsehen. "Ich habe sie angespuckt und unter die Decke gefasst", so der Beschuldigte.

Gesammelt hat er nicht nur Liebschaften, sondern auch Bilder. Auf einem Speicher im I-Phone fand die Polizei ein Wust von Dateien mit Aufnahmen der Schülerin. Bis heute ist unklar, ob die Fotos in dunkle Kanäle wanderten. Eindeutige Beweise auf mögliche Kontakte ins Pädophilenmilieu konnten die Spezialisten nicht finden.

Der Oberstaatsanwalt, der in seinem Plädoyer eine Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten forderte, bezeichnete den Aktenstoff als "Spitze eines Eisbergs". Rechtsanwältin Elisabeth Bahlke-Dittmer, die die Interessen der Geschädigten vor Gericht vertrat, wirkte erbost, als sie die Arbeit des Jugendamtes zusammenfasste. Eine Zeugin berichtete, dass der Mutter der heute 12-Jährigen ein längerer Krankenhausaufenthalt bevorstand und sie gerne den Angeklagten mit der Pflegschaft beauftragen würde. Das reichte der Behörde. Ohne Einschränkungen durfte sich der Beschuldigte um das Kind kümmern. Obwohl sein polizeiliches Führungszeugnis zu dieser Zeit dreizehn Eintragungen auflistete, darunter eine Verurteilung wegen Vergewaltigung aus dem Jahre 1981. "Ich wusste das nicht", sagte die städtische Sozialpädagogin. Dennoch gab es innerhalb des Amtes Vorurteile. Die Sachbearbeiterin, die die betroffene Familie über Jahre vertrat, legte ihr Amt nieder, da ihr das dominante Verhalten des 57-Jährigen Angst einflößte. Warum niemand eine Gefahr für das Mädchen erkannte, blieb eine weitere Ungereimtheit des Verfahrens.

Von Benjamin Reimers