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Blaulicht Spielsüchtige Cellerin gesteht Raubüberfälle
Celle Blaulicht Spielsüchtige Cellerin gesteht Raubüberfälle
18:54 07.07.2017
Vor dem Landgericht Lüneburg läuft ein Prozess gegen eine 46-jährige Cellerin. Quelle: dpa (Symbolfoto)
Celle Stadt

Wenige Minuten vor Prozessbeginn herrschte im Sitzungssaal 121 im Lüneburger Landgericht eine gespenstische Ruhe. Die Angeklagte besprach letzte Details mit ihrem Verteidiger. Die Staatsanwaltschaft wirft der 46-Jährigen schweren Raub und Körperverletzung vor.

Ohne lange nachzudenken, legte die Angeklagte ein umfassendes Geständnis ab: "Es tut mir unglaublich leid, was ich getan habe. Ich bin spielsüchtig." Sie berichtete, dass sie nach dem Überfall in der Kneipe in einem Hauseingang in Bahnhofsnähe Schutz suchte. Nachdem die Fahndung der Polizei endete, ging die gelernte Einzelhandelskauffrau auf Umwegen zu ihrer Wohnung und ließ noch den Schlagstock verschwinden.

Die zwei Taten, die die elfte Große Strafkammer juristisch aufarbeiten muss, ereigneten sich im Sommer vorigen Jahres in Celle. Die Mutter einer achtjährigen Tochter betrat am späten Abend des 8. Juni eine Bar an der Bahnhofstraße und bestellte eine Cola. Die Gastronomin kassierte zwei Euro. Die Beschuldigte gab an, den letzten Zug nach Hannover verpasst zu haben und unterhielt sich angeregt mit Personal und Gästen. Nach und nach leerte sich die Theke. Gegen 1 Uhr schlug die Stimmung um. "Ich überfalle Dich jetzt", hieß es plötzlich. Die Inhaberin hielt das anfänglich für einen Scherz. Doch als sie den Schlagstock vor sich erblickte, realisierte die 69-Jährige die gefährliche Situation.

Zwischen beiden begann eine Rauferei, die rund 20 Minuten dauerte. Die Gastwirtin wirkte bei ihrer Aussage am Freitag noch schwer von den Ereignissen gezeichnet. Die Schilderung, dass die Kontrahentin ihr neben den leichten Schnittverletzungen am Hals noch Kratzer im Gesicht zufügte, löste bei der Kammer etwas Verwunderung aus. Die Geschädigte spürte das Unbehagen des Gegenübers und rekapitulierte den damaligen Wortlaut: "Mache Deine Kehle weg". Nach diesen Worten gab die resolute Kauffrau den Widerstand auf und überließ der Schurkin die Einnahmen in Höhe von 300 Euro.

Der nächste Coup ereignete sich am frühen Vormittag des 10. Juni. Eine 94-Jährige war mit Gehstock und einem Rollwagen auf dem Weg zum Supermarkt. Beide Frauen begegneten sich im Französischen Garten. Die Beschuldigte sprach das Opfer unter dem Vorwand an, ein paar Cent Münzen wechseln zu wollen, um so in den Besitz des Portemonnaies zu gelangen. Die Rentnerin reagierte geistesgegenwärtig und zog der Angreiferin die Sonnenbrille vom Gesicht. Die Diebin packte die Geschädigte, brachte sie zu Fall und flüchtete mit rund 80 Euro Bargeld.

Die Seniorin schrie vergeblich um Hilfe. Mit letzter Kraft hangelte sie sich aus dem Gebüsch, um sich anschließend zu Fuß auf den Weg zur Polizei zu machen, um das Erlebte direkt anzuzeigen. Die Prellungen heilten ab, doch die Angstzustände blieben. Richterin Silja Precht stand vor einer schwierigen Aufgabe, das Vertrauen der Rentnerin zu gewinnen. Doch bei der Verabschiedung machte die 94-Jährige einen Vorschlag: "Sie kann jetzt ja alte Leute betreuen."

Der psychiatrische Sachverständige bestätigte, dass die Angeklagte spielsüchtig sei und zudem voll schuldfähig. Die Hauptverhandlung geht am 25. Juli weiter, dann soll auch das Urteil fallen.

Von Benjamin Reimers