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Blaulicht Viele Celler gaffen lieber als zu helfen
Celle Blaulicht Viele Celler gaffen lieber als zu helfen
18:53 11.08.2017
Quelle: Christian Link
Celle Stadt

Wegen zu hoher Geschwindigkeit ist ein Alfa Romeo GT am Montagabend auf der Westcellertorstraße frontal gegen einen Celler Linienbus geprallt. Schnell waren unzählige Schaulustige am Unfallort. Doch anstatt Erste Hilfe zu leisten oder den Notruf zu wählen, gafften viele nur und machten Fotos vom Geschehen. Diese Szene bot sich den drei Ersthelferinnen Annika Prause (28), Sara Vyhmeister (24) und Stine Jenzen (18), die das Café Müller am Südwall gerade abgeschlossen hatten.

Durch quietschende Reifen und einen sehr lauten Knall wurden sie auf den Unfall aufmerksam. Sofort war ihnen klar, dass etwas passiert sein musste und wie selbstverständlich rannten sie zum etwa 100 Meter entfernten Unfallort. Zu ihrem Erschrecken mussten die drei feststellen, dass zwar unzählige Menschen vor Ort waren, jedoch lediglich ein Mann Erste Hilfe leistete. Vyhmeister, die ihr Handy dabei hatte, wählte sofort den Notruf. "Ich habe die Nummer zum ersten Mal gewählt und war ganz verwundert, als ich in einer Warteschleife hing", so die 24-Jährige. In diesem Moment fiel ihr auch auf, dass die gegenüber liegende Straßenseite voller Menschen war, die fotografierten und filmten.

Einen besonders schockierenden Moment hatte Jenzen, die direkt zur Fahrertür des Pkw eilte. Drei Männer, die um das Auto herum standen und ins Wageninnere starrten, versperrten ihr den Weg und die Sicht auf den Fahrer. Mit einem beherzten "Ich bin Ersthelfer, bitte gehen sie zur Seite", verschaffte sie sich den nötigen Freiraum und befreite den Verletzten aus dem Unfallfahrzeug. In der Hoffnung Hilfe zu erhalten, bat Prause einen weiteren Autofahrer um dessen Erste-Hilfe-Kasten. Dieser weigerte sich, ihr das noch verschlossene und versiegelte Notfallset auszuhändigen. Es koste schließlich zehn Euro, so der Mann. Wutentbrannt rannte die 28-Jährige zurück ins Café um den dortigen Verbandskoffer zu holen. Zusammen mit zwei weiteren Helferinnen, einer Ärztin und deren Arzthelferin, versorgten sie die Verletzten, bis der Rettungsdienst am Unfallort eintraf.

Nicht selten blockieren Gaffer mit ihrem Verhalten die Zugangswege für Helfer und Rettungskräfte und schaden damit den Verletzten. Laut der Celler Polizeisprecherin Anne Hasselmann sind "Sensationslust und Neugier ganz natürliche Reflexe, die dazu führen hinzusehen." Die Anonymität in der Masse halte viele davon ab, selbst aktiv zu werden: "Je mehr Menschen vor Ort sind, desto weniger fühlen sich verantwortlich zu helfen. Wenn aber bereits Helfer vor Ort sind, sollten Schaulustige weiterfahren um nicht für Folgeunfälle zu sorgen"

Gaffen ist eine Ordnungswidrigkeit und kann mit einem Bußgeld zwischen 20 und 100 Euro bestraft werden. Schwerwiegender ist die unterlassene Hilfeleistung, die mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden kann. Das Fotografieren oder Filmen eines Unfalls kann sogar mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden.

Von Peter Weigel